»Signora Lucia Vergani, meine Cousine, die liebenswürdige Anstandsdame meines Hauses!« hatte der Prälat die in jeder Weise vornehm auftretende Frau vorgestellt, die mit dem verbindlichen Lächeln der Hausfrau den jungen Priester begrüßte und ihm den Platz zu ihrer Rechten anbot, während links von ihr der Jesuitenpater Felice saß. So waren sie nun zu Viert am Tisch, und die Unterhaltung war eine lebhafte und geistvolle – – aber Frohwalt konnte über ein unbehagliches Empfinden nicht hinwegkommen. Die kalten, klaren Augen des Jesuiten störten ihn eben so sehr, wie das ganze Wesen des geputzten Weibes, das ihm wie eine reichgeschmückte Lüge vorkam … Barbara in Seide!
Er that vielleicht dem Prälaten unrecht. Parelli benahm sich ja in jeder Weise untadelhaft, dabei ungemein liebenswürdig, daheim auf dem Gebiete der Kunst, und wenn er auch den Speisen und dem Weine sehr ausgiebig zusprach, so machte er doch nicht den Eindruck des Unmäßigen. Sein Körper schien just so viel zu gebrauchen, als er genoß. Trotz alledem schien Frohwalt unsichtbarer Weise der alte Nedamitzer Pfarrer mit am Tische zu sitzen und ihn traurig anzublicken, als ob er sagen wollte: »Sieh, Du hast mich verurteilt, und ich habe doch auch nichts anderes gethan!«
So kam es, daß es ihm gar nicht recht schmecken wollte, und daß er manchmal nur mit halbem Ohr auf das horchte, was das üppige, schöne Weib an seiner Seite zu ihm sprach. Und als es ihm gar erst schien, als ob er einen begehrlichen Blick aufgefangen hätte, der über ihn hinglitt, da überkam ihn ein Widerwille, und er wurde noch wortkarger.
Felice zeigte sich ihm gegenüber von sicherem weltmännischem Wesen, aber von einer so kalten, klugen Ueberlegenheit, daß ihm bangte vor dem Manne, und wenn er sah, wie er mit seinem hagern Leibe sich über den kleinen Prälaten herbeugte, überkam ihn ein Empfinden, ähnlich jenem, welches Sisto hatte, als er damals die Beiden im Garten an sich vorübergehen sah. Ihm fiel alles ein, was Professor Holbert von Jesuiten und Jesuitenmoral zu ihm gesprochen, und trotz der beinahe zu großen Freundlichkeit Felices war er ihm gegenüber zurückhaltend, so daß derselbe äußerte:
»Sie verleugnen Ihren mehr nordländischen Charakter nicht, Herr Doktor – kühl und zurückhaltend! Das beobachten wir an fast allen deutschen Herren und Seine Eminenz, Ihr Herr Kardinal-Fürsterzbischof ist bei all seinen trefflichen Eigenschaften Ihnen darin ähnlich.«
Nach Tische zog die Signora Frohwalt wieder ins Gespräch und wünschte ihm, gleich wie mit dem Stolze der Hausfrau, die ganze Herrlichkeit dieses Hauses zu zeigen. Wenn er nicht unhöflich sein wollte, mußte er ihr folgen, während die beiden anderen sich für eine Weile in das Arbeitszimmer des Prälaten zurückzogen.
Lucia hatte manches von Parelli gelernt und ein gewisses äußerliches Kunstverständnis sich angeeignet. Dabei war ihr Benehmen ungezwungen.
Sie nahm ohne weiteres den Arm ihres Begleiters und stützte sich auf denselben, so daß es Frohwalt seltsam durchrieselte. So war er noch an keines Weibes Seite gegangen. Der Arm war voll und weich und warm, und es umwehte ihn wie ein sinnlicher Zauber. Dazu redete aus den dunklen Augen der Signora ein begehrliches, heißes Feuer, so daß er fühlte, wie auch ihm die Röte in die Wangen stieg. Das Weib schien seine Befangenheit zu bemerken, und das bereitete ihr offenbar Behagen und Befriedigung, so daß sie ihn mit Wort und Blick immer mehr umstrickte.
Sie sprach von den einzelnen Kunstgegenständen, wie sie zerstreut in den prunkvollen Gemächern standen und wußte geschickt verhüllte Beziehungen herauszufinden und anzudeuten: Der blonde Deutsche schien es der schönen, heißblütigen Südländerin angethan zu haben. In den Räumen herrschte eine weiche, duftatmende Atmosphäre, die von den üppigen Polstermöbeln, den nackten Marmorbildern in den Nischen, und von den Gemälden in den breiten Goldrahmen auszugehen schien, denn Frohwalt merkte bald, daß die letzteren nur zum kleinsten Teile religiöse Stoffe behandelten. Auf den meisten glänzten blitzende Frauenaugen, blinkten weiße entblößte Schultern und Busen, war das lachende, verführerische Leben dargestellt. Er redete sich ein, sie befänden sich hier ausschließlich ihres Kunstwertes wegen, und Lucia schien ihn in dieser Meinung zu bestärken.
Dabei blieb sie gerade vor den bestrickendsten am längsten stehen, sah ihm, während sie sprach, immer heißer und tiefer in die Augen und drängte sich wohl auch enger an ihn, so daß er durch das leichte Seidengewand das Pochen ihres Herzens fühlte.