»Wo ist das Weib?« murmelte Quandt.
»Nähere Einzelheiten möchte ich nicht anführen, sie regen nur den Jungen auf; lassen Sie sich mit der Versicherung genügen, daß seines Bleibens bei Monsignore Parelli nicht sein kann. Nun hängt er in der Luft – ich kann ihn leider Gottes nicht bei mir behalten, das erlauben mir die Verhältnisse nicht, und da wollte ich, zumal Sisto zu Ihnen und Frau Friederike so großes Vertrauen hat, anfragen, ob Sie nicht wenigstens für die Zeit Ihres Aufenthalts in Rom sich seiner annehmen und ihm Unterkunft gewähren wollten. Wir halten wohl Umschau, was weiter mit ihm werden soll.«
»Na, da brauchts wohl keinen Familienrat – he, Fritzel?«
»Wir haben keine Kinder, Heinrich – und da ist's doch, als ob uns der Himmel selber …«
»Na, er kommt freilich schon etwas sehr ausgewachsen an, der Junge … aber um so besser, da braucht man sich nicht mit den Zahnkrankheiten zu ängstigen! Also, wir wollen uns den Fall überlegen. Sisto, willst Du bei uns bleiben?«
Der Knabe errötete bis unter die dunklen Stirnlocken, und die Augen leuchteten. Er stammelte unverständliche Worte, aber Friederike zog ihn an sich und küßte ihn.
»Na, da haben Sie das Siegel auf dem Pakt – was wollen Sie denn noch mehr? – Ich glaube, jetzt werde ich kürzer gehalten, und darum bin ich für eine Probezeit!« sagte der Maler lächelnd; dann zog er sein Weib und den Jungen zugleich an sich und küßte beide. – –
Frohwalt ging in wundersam gehobener Stimmung aus dem kleinen Hause. Die sonnige Heiterkeit, die selbstlose Menschenliebe, welche hier waltete, that ihm außerordentlich wohl. Aber je näher er der Wohnung Parellis kam, desto mehr schwand dieses Behagen aus seiner Seele, und mit pochendem Herzen, fast als hätte er eine Schuld auf sich geladen, trat er durch das Portal und frug den Portier, ob der Prälat daheim sei. Als dies bejaht wurde, ging er langsam die breite, glänzende Marmortreppe empor. Auf derselben begegnete ihm der Jesuit Felice. Mit vordringlicher Freundlichkeit hielt er den anderen auf. Frohwalt aber wurde bei dem Gedanken, daß der Pater, welcher hier so häufig verkehrte, doch auch Kenntnis von den Verhältnissen des Hauses haben mußte, dieselben stillschweigend hingehen ließ und so heimlich billigte, von einem Widerwillen gegen den Mann erfaßt, den er kaum verhehlen konnte. »Der Zweck heiligt die Mittel!« Das mußte er unwillkürlich in diesem Augenblicke denken, und er mußte sich zusammennehmen, um nicht unhöflich zu erscheinen.
»Wissen Sie schon, daß der Betteljunge, den Seine bischöflichen Gnaden so wohlwollend aufgenommen, ohne ein Wort des Dankes davongelaufen ist? Monsignore ist außerordentlich aufgeregt darüber und in Sorge um den gottlosen Burschen.«
»Ich hoffe, ihn beruhigen zu können,« sagte Frohwalt kühl; »ich weiß, wo der Knabe ist und kann versichern, daß er sich in guten Händen befindet.«