Sechzehntes Kapitel.

Auf der Straße, die von Marino gegen das schön gelegene Frascati führt, schritt ein Wanderer, ein bejahrter Mann in einfachem Gewande, eine leichte Mütze auf dem Kopfe und einen kräftigen Stock in der Hand. Er sah mit hellen Augen in die Welt und ging gemächlich seines Weges, wobei ihn der Ranzen auf seinem Rücken gar nicht zu beeinträchtigen schien.

Es war der Vetter Martin.

Daheim hatte es ihn, seit es mit seinem Fuße besser ging, nicht mehr gelitten, und als noch der Winter über den deutschen Fluren lag und nur ab und zu ein milderer Märzhauch den kommenden Frühling ahnen ließ, war er aufgebrochen nach dem Süden. Dort mußte es ganz besonders schön und angenehm sein, und Italien war schon lange das Ziel seiner Sehnsucht gewesen. In seinen jungen Tagen hatte er Seumes »Spaziergang nach Syrakus« gelesen, und die Eindrücke jenes Buches wurden ihm bei seinem Wandern wieder lebendig, denn in ihm steckte manches, was mit dem alten »Spaziergänger« verwandt war.

Er hatte sich Zeit gelassen und gerastet, wo es ihm just gefiel, nur als er näher an die ewige Stadt kam, hatte ihn eine gewisse Unruhe erfaßt und seinen Fuß beschleunigt. So war er an diesem gesegneten Märztage im Albanergebirge eingetroffen. Er hatte vom Monte Cavo, dem alten Mons Albanus, hinausgeblickt in die weite Ebene, durch welche der Tiber seine spiegelnden Fluten gleiten läßt, und hatte über den Sabiner- und Etruskerbergen den leuchtenden Gürtel des Mittelländischen Meeres blinken sehen, während unter ihm aus dem Grün der Oliven- und Steineichen, der Pinien und Reben, das freundliche Albano, das malerisch über dem kristallklaren Spiegel des Albanersees liegende Marino, das anmutige Castel Gandolfo, der Sommersitz des Papstes, emporschauten, und ferner her wie ein weißer leuchtender Häuserstreifen die Siebenhügelstadt selbst grüßte.

Das Herz war dem alten Manne weit geworden bei diesem Anblick, und alle Welt hätte er ans Herz drücken mögen. Die Vergangenheit wurde auch ihm hier lebendig, wie tausend anderen, welche diese Straßen wanderten, wo über den Trümmerresten alter Tempel und der Landhäuser berühmter Männer eine neuere Zeit ihre Kirchen und Klöster gebaut hat.

Was war doch diese Campagna für ein seltsames Gebiet! Dies Gefilde, mit Trümmern und Gräbern bedeckt, die über dem braunen, goldtönigen Boden sich erheben, der überwuchert wird von Ginster und Thymian, von Heidekraut und Binsen, zwischen denen einsame alte Bäume – Cypressen und Pinien – traurig und seltsam stimmungsvoll emporragen. Und als Staffage diese braunen Hirten in flockigen Schafspelzen, wie sie unter ihren Schafen und Ziegen stehen, den langen Stock unter die Achsel gestemmt und träumend hineinschauend in die melancholische Landschaft, während der zottige weiße Hund die Tiere zusammenhält – und die weidenden Heerden silbergrauer Rinder, welche die weitgeschweiften Hörner wiegen und mit traurigem Glockenton durch die stille Campagna läuten! Und um das ganze Bild der Rahmen der blauen Berge, um die ein verhaltener, fein sich abtönender Duft schwebt!

Vetter Martin fand es begreiflich, warum es die deutschen Maler hierher zog, und er hätte gewünscht, selbst etwas von der Kunst zu verstehen, um wenigstens den einen oder den andern Eindruck festhalten zu können. Er dachte an Hans Stahl, und wünschte, den lebendigen Burschen bei sich zu haben, der jetzt wohl daheim im Kontor des Vaters seufzend auf dem Drehstuhl saß. Es war schade um den Jungen.