Es war eine widerwärtige Szene. Das empfand besonders Friederike, die sich zu entfernen wünschte. Der Wirt suchte die Deutschen zurückzuhalten, bis der Bürgermeister gekommen wäre, der das Protokoll aufzunehmen hatte, und um Weiterungen zu vermeiden, blieben sie; aber sie gingen in die Schenke hinein, ohne freilich auch hier dem wüsten Schreien sich entziehen zu können. Endlich kam der Beamte, mit ihm ein päpstlicher Gendarm. Der Mann war höflich und zuvorkommend, aber ziemlich weitläufig in seinen Aufnahmen, und Vetter Martin wie Quandt fürchteten, daß die Geschichte ihnen noch weitere Scherereien machen werde.
Endlich konnten sie sich entfernen und ihren Wagen aufsuchen, und einigermaßen verstimmt bestiegen sie denselben und fuhren gegen Rom. Hart hinter Frascati begegneten sie dem Gendarmen, der den gefesselten Bauer vor sich hertrieb. Derselbe warf ihnen grollende Blicke zu und entfesselte eine Flut von Schimpfwörtern, bis sein Begleiter ihn mit dem Flintenkolben zwischen die Rippen stieß. Der Wagen aber rollte rasch davon.
Die im Abendlicht rötlich schimmernde Campagna mit ihrem unverwüstlichen Zauber regte die Reisenden wieder freundlicher an, und ehe sie noch in die ewige Stadt einfuhren, war es beschlossene Sache, daß Vetter Martin mit Quandts zusammenwohnen müsse – die Bildhauerwitwe würde schon für ein Unterkommen Rat schaffen – und daß man am nächsten Tage, beziehungsweise am Abende dem Doktor der Theologie Peter Frohwalt eine ganz besondere Ueberraschung bereiten wolle.
Derselbe erhielt denn auch für diesen Abend eine dringende Einladung, die er unter keinen Umständen ablehnen dürfe, und so kam er ziemlich neugierig schon am Nachmittage an. Als er in die wohlbekannte trauliche Stube eintrat, blieb er wie erstarrt stehen, der Vetter Martin aber stand mit lachendem Gesichte vom Tische auf und rief:
»Na, was sagst Du dazu, Peter? – Herrgott! Da steht er wie weiland Lots Weib nach der Versalzung – komm zu Dir, Doktor der Theologie und Adjunkt, ich bin's leibhaftig!«
Und nun umarmte er den jungen Priester, der tiefbewegt die Begrüßung erwiderte, und dann saßen sie um den Tisch beisammen, die beiden Deutschböhmen, die Malersleute und der braune Sisto, der hier wie zu Hause war, und der Alte lachte:
»Ja, sieh – ich habe doch ein wunderliches Glück, Peter. Da läuft mir schon vor den Thoren Roms die Liebenswürdigkeit selber entgegen, und wenn Du Dir über die Situation recht klar sein wirst, wirst Du sehen, daß ich auch hier schon wieder der Vetter Martin bin, und mich ganz als solcher fühle, 's ist mir, als hätten wir uns alle schon lange gekannt, und als wäre ich speziell nach Rom gekommen, um gerade diesen Kreis aufzusuchen. Herrgott im Himmel, Du hast doch überall gute Menschen – man muß nur das Glück haben, sie zu finden!«
Der Alte war ganz in seinem prächtigsten Fahrwasser, aber er hatte nicht viel Geduld zum Sitzen, und so machte er selber nach einiger Zeit den Vorschlag, noch einen Spaziergang zu unternehmen. Das Wetter war überaus schön, und Quandt schlug eine Promenade nach dem Monte Picio vor, was Vetter Martin mit besonderer Freude annahm.
Die vier Menschen – Sisto war daheim geblieben – schritten langsam den glänzenden Corso entlang, auf welchem es von Menschen wimmelte, und über welchen zahlreiche vornehme Wagen hinrollten. Ueberall Pracht, Glanz und Lebenslust! Es war, als ströme ganz Rom heute zur Porta del Popolo hinaus nach jenen wunderbar schönen Gartenanlagen, die in ihrer Art beinahe einzig sind.
Ueber begrünte Flächen schweift der Blick und haftet hier an herrlichen, mächtigen Steineichen, dort an malerischen Gruppen von Pinien und Cypressen, zwischen denen weiße Marmorbilder hervorlugen, während Fontänen ihre Silberstrahlen spielen lassen und künstlerisch geschaffene Sitze zum Ruhen einladen. Auf der breiten Fahrstraße rollen unablässig die goldglitzernden Equipagen; geputzte Damen winken heraus und erwidern die ihnen dargebrachten Grüße, und um eine riesige Palme gereiht steht das Musikkorps der päpstlichen Zuaven und läßt glutvolle, feurige Weisen ertönen.