Vetter Martin hatte manches gesehen in der Welt und das »nil mirari« – über nichts sich zu wundern – war ihm zum Grundsatz geworden, aber hier ward er demselben doch beinahe untreu. Er wußte auch kaum, wohin er seine Aufmerksamkeit am meisten wenden sollte, ob hinab nach der Stadt, die im Abendsonnenglanze wie ein Märchenbild sich ausbreitete, ob auf die bunte, wogende Menge, unter welcher zahlreiche Kirchenfürsten sich befanden, die eigentlich das meiste Interesse beanspruchen durften.

Frohwalt kannte sie fast alle, und er machte Vetter Martin auf die bedeutendsten derselben aufmerksam. Da ging der geistvolle Pariser Erzbischof Dupanloup mit dem durch seinen weißen Talar auffallenden Patriarchen von Jerusalem, dort die prächtige, feurig blickende Gestalt des schönen spanischen Bischofs von Urgel mit dem Erzbischof von Mecheln, dann der Generalvikar der Prämonstratenser-Chorherren mit Manning, dem Erzbischof von Westminster, die schlanke, vornehme Erscheinung des Kardinals von Schwarzenberg mit dem österreichischen Gesandten Graf Trautmannsdorf, und viele andere, unter welchen besonders die aus dem fernen Oriente gekommenen Konzilsväter auffielen. Die Römer selbst hatten sich an diese Gäste gewöhnt, Bischöfe und Cardinäle waren ihnen nichts Absonderliches, aber die zahlreichen Fremden aus aller Herren Länder, die auf dem Pincio promenierten, blieben immer aufs neue stehen, um ihnen nachzublicken.

Vetter Martin war ernster geworden. Er hatte, während das Quandtsche Ehepaar voran schritt, seinen Arm in jenen Frohwalts gelegt und sagte:

»Die Herrlichkeit der streitenden Kirche! Sie sehen zumeist recht Ehrfurcht gebietend aus, diese geistlichen Herren, und man sollte meinen, sie müßten viel Geist und echten Christenglauben vorstellen … was hältst Du vom Konzil? Was hält man in der Umgebung des Prager Erzbischofs davon?« fragte er plötzlich ziemlich unvermittelt.

Frohwalts Miene wurde leicht beschattet; er dämpfte die Stimme einigermaßen, als er erwiderte:

»Vetter Martin, ich kann nicht anders, als zu sagen: Ich bin enttäuscht – wir alle sind enttäuscht. Selbst wir, in unmittelbarer Nähe der Verhandlungen und in unmittelbarem Umgang mit einem der hervorragendsten Konzilsmitglieder, erfahren wenig genug von dem, was in dem Konzilssaal vorgeht, und schon dies Geheimnisvolle ist unbehaglich und macht einen beinahe beängstigenden Eindruck. Von jeder Sitzung ist in der »Civilta Cattolica« zu lesen: Die Väter kamen um neun Uhr zusammen; darauf zelebrierte der Bischof X die heilige Messe, der Kardinal Y verlas die vorgeschriebenen Gebete, und darauf sprachen so und so viele Väter über die Vorlage. Um 1 Uhr wurde die Sitzung geschlossen! So steht es mit peinlicher Genauigkeit in dem päpstlichen Leibblatte zu lesen, und mehr erfährt die Christenheit nicht. Was aber sonst noch über Verfügungen der Geschäftsordnung bekannt wird, ist wenig Vertrauen erweckend. Man war bereits so weit, daß man die Väter mundtot machen wollte durch eine Bestimmung, wonach dieselben ihre Bedenken gegen die Vorlagen schriftlich zur Einsicht für die Konzilsmitglieder im Sekretariat niederlegen sollten, in der Aula selbst aber sollte nicht mehr darüber gesprochen, sondern nur abgestimmt werden. Die Unermüdlichkeit des kroatischen Bischofs Stroßmayr, sowie dessen rücksichtslose Energie hat den Plan der Konzilsleitung vereitelt und es wird nun wie vordem mündlich weiter verhandelt. Ach, Vetter Martin – ich wollte, ich wäre nicht hierher gekommen und müßte dies alles in der Nähe ansehen … mir thut manchmal das Herz weh. Gott weiß es, wie ehrlich ich es mit unserer heiligen Kirche meine – hier aber verliert man Glauben und Vertrauen, und mich erfassen mitunter böse Beängstigungen, als wollte man mich gewaltsam hinausdrängen aus dem Heiligtum meines alten Glaubens. Ich bin so froh, daß ich Dich hier habe, und daß ich mich wenigstens darüber aussprechen kann, wie mir's ums Herze ist.«

»Na, na … die Sache wird wohl nicht so heiß gegessen werden, wie sie gekocht wird. Die deutschen und sonstigen Bischöfe, welche die Gegnerschaft bilden, werden doch den Mut nicht verlieren und sich nicht etwas aufzwingen lassen, was gegen ihre Ueberzeugung und gegen die althergebrachte Lehre der Kirche ist!«

»Und wenn sie doch sich beugen?« fragte Frohwalt und sah mit besorgtem Blicke dem alten Manne ins Gesicht.

»Dann muß jeder ehrliche Katholik für sich allein den Weg seiner Ueberzeugung gehen, Peter! … Aber das kann und wird nicht sein, daß Leute wie Stroßmayr, Dupanloup, Schwarzenberg ihre Ueberzeugung, für die sie bisher so mannhaft einstehen, wie ein altes Hemd behandeln und wegwerfen, das müßte ja zu einer Umwälzung in der Kirche führen, wie sie noch nicht dagewesen wäre!«

»Du kennst nicht die Gewalt, welche in dem Papsttum liegt, Vetter Martin, und nicht den persönlichen Zauber, welchen die Erscheinung des Stellvertreters Christi auf Erden ausübt. Vor ihm beugen sich – –«