Dieser sah ihm ziemlich finster entgegen und bot ihm einen Sitz, dann fragte er mit kühler Höflichkeit nach seinem Begehren.
Felice kam in Angelegenheiten des Konzils. Der Jesuitenorden hatte für die widerspenstigen Bischöfe, welche sich der neuen Geschäftsordnung, namentlich der Forderung, daß mit einfacher Mehrheit entschieden werden solle, nicht gutwillig fügen mochten, eine Falle zurecht gelegt und bearbeitete seine Anhänger in dem Sinne, wie diese Falle Verwendung finden sollte. Parelli glaubte man bei seiner Gutmütigkeit sicher zu haben, ihn konnte man wohl auch etwas tiefer in die Karten sehen lassen.
Aber Felice hatte keinen glücklichen Tag getroffen, das Gewissen des Prälaten hatte einmal angefangen, sich zu regen, er fühlte den starken Trieb, recht zu thun und damit seine Schuld wegen Lucia einigermaßen zu erleichtern, und so hörte er mit Unmut dem Jesuiten zu, der ihm auseinandersetzte, wie man zu den Dekreten betreff der Unfehlbarkeit eine Art Einleitung den Konzilsvätern vorlegen wolle, in welcher es auf eine besonders scharfe Verurteilung des Protestantismus abgesehen sei. Man erwarte nach der ganzen Fassung einen Widerspruch der nichtitalienischen Bischöfe, ja man wünsche sogar einen solchen und würde es auch nicht ungern sehen, wenn selbst eine Anzahl für den Glaubenssatz gewonnener Kirchenfürsten sich in diesem Falle jenen anschlössen. Dadurch würde einerseits der Vorwurf hinfällig, daß die italienischen Bischöfe einfach alles annehmen, was ihnen vorgelegt würde und fürs zweite hätte man die widerstrebenden Bischöfe dazu gebracht, etwas mit einfacher Mehrheit zu entscheiden, und der von ihnen angefochtene Grundsatz der Geschäftsordnung hätte damit durch sie selbst Genehmigung erhalten.
»Mag die Beleidigung des Protestantismus auch hintertrieben werden, wenn sie nur die verhaßte neue Geschäftsordnung auf diese Weise annehmen!« schloß Felice, und um die schmalen Lippen ging ein leichtes Zucken, wie ein Lächeln.
Die Brauen Parellis hatten sich zusammengezogen. Jetzt sah er den Jesuiten durchdringend an und sprach mit unverkennbarem, bitterem Hohne:
»Der Zweck heiligt die Mittel! … Ich will ehrlich zu Ihnen sprechen, Hochwürden, denn ich bin in einer Stimmung, in der ich nicht anders kann, und wenn ich für meine Meinung und Ueberzeugung der schwersten Strafe verfiele. Ja, ich werde gegen einen solchen Angriff gegen den Protestantismus stimmen, aber nicht um das Spiel, das mit dieser Abstimmung getrieben werden soll, zu unterstützen, sondern aus innerster Ueberzeugung, denn ich kenne Protestanten, die himmelhoch stehen über Katholiken und katholischen Priestern, und von denen wir allzusammen lernen können, was in jeder Religion das wahrhaft Religiöse ist … im übrigen aber lassen Sie mich meine Wege von heute ab gehen auch in der Frage der Unfehlbarkeit. Die Mittel, welche angewendet werden, um sie durchzusetzen, die heimlichen Wege, welche man geht, um eine ehrliche, gesinnungstüchtige Gegnerschaft zu bekämpfen, sind unwürdig und ich schäme mich, wenn ich mit dafür haftbar gemacht werden solle. Ich werde, wenn es zur Abstimmung kommt, nicht nach der Vorschrift des Jesuitenordens, sondern nach meiner Ueberzeugung stimmen – komme was da wolle!«
Felice sah den Prälaten groß und mit starren Augen an, als stehe er vor einem Rätsel, das selbst ihm, dem vielgewandten und kalten Manne unverständlich war; endlich sagte er:
»Bischöfliche Gnaden, ich höre mit Bedauern solche Worte, die aus einer augenblicklichen Erregung kommen, welche ich nicht ernst nehmen möchte. Ich merke daraus nur das Eine, daß Ihr guter Engel von Ihnen gegangen ist.«
Parelli sah ihn mit gehobenem Haupte und fest an:
»Meinen Sie damit das Weib, welches ich aus meinem Hause gejagt habe? – Haben Sie wirklich den Mut, als ihr Beichtvater, der doch von allem gewußt haben muß, diese Elende so zu nennen? Ihnen brauche ich meine Sünde und Schande nicht erst zu erzählen, Sie haben darum gewußt, Sie müssen darum gewußt haben, und doch haben Sie uns beide hinleben lassen in Schuld und Verbrechen ohne ein mahnendes und strafendes Wort? – Durch das Weib haben Sie den Einfluß auf mich sich gesichert … wie nennen Sie ein solches Verhalten? – O, mich widert das alles an – ach, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich anwidert. In unserer heiligen Kirche ist vieles schlecht geworden und gerade durch die Schuld derjenigen, die über ihre Reinheit und sittliche Würde am meisten zu wachen berufen waren. – Ich kann nicht anders büßen für meinen Anteil, als indem ich redlich streben will, das Verderbte an mir und anderen zu bessern, und daß ich allezeit den geraden Weg gehe, auf welchem die beiden Sterne der Gottesliebe und der wahren Nächstenliebe leuchten. Dazu aber kann ich Ihrer Leitung entbehren, und da Sie mir immer nur aufs neue die Erinnerung an meine Sünde und an die Zeit meiner Schmach in mir wachrufen müßten, so ist es wohl besser, wenn wir uns so wenig als möglich begegnen; es kann ja auch Ihnen nur angenehm sein!«