»Ach so … das ist wieder die gewohnte Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit der deutschen Theologen. Sie haben freilich durch die Priesterweihe auch das Recht, zu binden und zu lösen erhalten, und jeder bedrängte Mensch, den sein Vertrauen zu Ihnen zieht, sollte kraft dessen auch von Ihnen von seinen Sünden freigesprochen werden können, aber ich weiß, daß sich formale Bestimmungen auch hier dazwischen drängen. Nun gut … haben Sie auch in Rom nicht das Recht, mich von Sünden zu lösen, so darf ich doch mein Bekenntnis vor Ihnen ablegen. Sie haben einst mit ruhigem und doch so eindringlichem Worte an meinem Gewissen gerüttelt, daß es mich drängt, jetzt, da ich die Kraft der inneren Erneuerung gefunden habe, zuerst zu Ihnen zu kommen.«
Und nun erzählte er ruhig und klar die Vorgänge des gestrigen Tages und was damit zusammenhing; er schloß:
»Endlich bitte ich Sie um Eines: Ich habe den Drang, daß auch der Knabe, der einstens um mein Seelenheil vor mir auf den Knieen gelegen, erfahre, daß sein Gebet durch die Gnade des Himmels erhört sei, und habe die Sehnsucht; ihn wieder in meiner Nähe zu wissen. Thun Sie mir die Liebe, Sisto aufzusuchen, und bringen Sie ihn mir wieder … ich habe erst in diesen Tagen empfunden, was mir der Knabe war.«
Frohwalt war von dem Gehörten tief ergriffen.
»Und habe ich auch keine formale Berechtigung, Ihnen Sünden zu vergeben, der Himmel und Ihr eigenes Herz werden Sie von Ihrer Schuld lossprechen – ich aber, das glauben Sie, bin unendlich glücklich, daß es so gekommen ist. Ich suche heute noch Sisto auf, und wenn es irgend möglich ist, führe ich Ihnen den Knaben zu. Quandts kehren ja doch bald nach der Heimat zurück und ich glaube nicht, daß sie die Absicht haben, Sisto mit sich zu nehmen.«
»Ich danke Ihnen im voraus für alle Liebe, die Sie mir thun, und ich will bemüht sein, mich ihrer wert zu machen.«
Parelli hatte sich wieder entfernt und Frohwalt war es zu Mute, als beschere ihm der Himmel die erste glückliche Stunde in Rom. Er wollte auch nicht zaudern mit der ihm gewordenen Mission, aber eben, da er sich auf den Weg zu machen gedachte, trat der Vetter Martin bei ihm ein.
»Lieber Peter – das ist hübsch, daß ich Dich erwische – denn ich komme, um Dir meinen Abschiedsbesuch zu machen. Du weißt, daß ich der Mann der plötzlichen Entschlüsse bin. In Rom ist mir der Boden etwas heiß geworden unter den Füßen und Eure Konzilsverhandlungen sind das Langweiligste, was für die katholische Christenheit erdacht werden konnte – ich fürchte freilich, daß sie mit einem unangenehmen Knalleffekt abschließen. Also kurz und gut: Ich breche morgen früh auf gegen Neapel. Vedi Napoli poi more! Auf meiner Rückreise komme ich noch einmal nach der ewigen Stadt, und ich vermute, daß ich Dich noch finden werde. Meine Geschäfte hier sind in der Hauptsache erledigt. Mein Lausitzer Windhund, von dem sein Alter durchaus nichts mehr wissen will, ist bei Quandt untergebracht, und arbeitet in dessen Atelier auf Tod und Leben. Quandt hat ihm ein schönes Talent zugesprochen und wird ihn, wenn er mit seiner Frau Rom verläßt, an einen andern Maler empfehlen. Ich denke, wir schleppen den armen Teufel durch. Auch Quandts sind die prächtigsten Menschen auf Gottes Erdboden … Nun Gott befohlen, mein lieber Peter – ich habe noch Einiges rasch zu besorgen – und halte mir die Ohren steif wegen der Unfehlbarkeit!«
Noch ein kräftiger Kuß, dann ging der Alte und bald nach ihm verließ Frohwalt das Haus.
Der Himmel war trübe geworden und es begann zu regnen, als er durch die Straßen schritt. Diesem Umstande vielleicht hatte er es zu danken, daß er Quandts daheim antraf.