»Aber Heinrich …«
»So sei doch ruhig, Fritzel, der Junge muß doch erst die Schattenseiten kennen! – Aber, mein lieber Sisto, es giebt auch gute Menschen dort, wie der geistliche Herr da, meine Frau und ich, und wenn Du nicht wieder zu Monsignore willst, und uns lieber hast, so sollst Du bei uns bleiben, und ich will Dein Vater sein – –«
»Und ich Deine Mutter, Sisto – willst Du?«
Da rang es sich wie ein Jauchzen und Schluchzen zugleich aus der Brust des Knaben, und er warf sich mit ausgebreiteten Armen an das Herz der jungen Frau.
»Na seht Ihr, wie ich mit meinem bischen Italienisch die Sache klar bekommen habe. Sisto, Junge – komm her, ich will auch meine Hälfte haben von Dir!« rief der Maler, und nachdem er seinem Liebesbedürfnis Genüge gethan, suchte er seine Rührung unter Scherzworten zu verbergen. Er führte den Knaben wieder seiner Frau zu und sagte:
»Hier übergebe ich ihn Dir in aller Form Rechtens, und hoffe, daß Du ihn zu meiner Freude erziehen wirst; und nun laß einmal sehen, wie Dir die Mutterrolle zu Gesicht steht! – Was? Sehr gut! Nicht, Herr Doktor? – Sie sind Zeuge der Adoption und können dem guten Prälaten mitteilen, daß wir als echtes und rechtes Ehepaar einen Jungen viel besser brauchen können, als ein Cölibatär, und katholisch soll er auch bleiben: die Söhne folgen der Religion des Vaters.«
Frohwalt stand in tiefer Ergriffenheit; er kam sich im Grunde recht überflüssig vor bei dieser Familienszene, und doch konnte er nicht gehen. Es ging ihm in wenig Augenblicken vieles durch den Sinn. Wie hätte er sich noch vor nicht langer Zeit entsetzt und für das Seelenheil des Knaben gebangt bei dem Gedanken, daß ein protestantisches Weib ihn wie ihr eigenes Kind halten und erziehen würde … und heute war ihm das so selbstverständlich, und er wußte und fühlte es gut, daß Sisto nirgends besser aufgehoben sein könne. Aus den beiden Menschen, die hier um den fremden Knaben sich bemühten, sprach eine solche Fülle echter Liebe, daß er selbst mächtig davon erfaßt wurde, zumal diese Liebe so ungesucht und unmittelbar aus dem Herzen kam.
»O, Ihr lieben, guten Menschen!« sprach er vor Rührung übermannt, und mehr vermochte er nicht hervorzubringen, aber mit überströmenden Augen reichte er dem Maler und seiner Frau die Hand.
Heinrich Quandt verzog sein gutmütiges Gesicht in die seltsamsten und wunderlichsten Falten, so daß man nicht im Klaren war, ob er im nächsten Augenblicke auflachen oder aufschluchzen werde; er riß fast gewaltsam seine Hand aus der des Priesters und eilte nach dem Atelier, um Hans Stahl herbeizuholen. Als er mit dem jungen Lausitzer eintrat, der ziemlich verblüfft dreinschaute, rief er: »Hans, lassen Sie in diesem feierlichen Augenblicke Pinsel und Palette, und bilden Sie sich etwas darauf ein, daß Sie der Erste sind, welchem Heinrich Quandt und Frau hierdurch die ergebene Mitteilung machen, daß ihnen Gott am heutigen Tage einen gesunden, kräftigen Jungen geschenkt hat. Da steht er: Sisto Quandt-Brenta! Klingt famos. Und nun, Fritzel, sieh einmal zu, ob Du von unserer Gastfreundin etwas anständig Trinkbares auftreiben kannst.«
Hans Stahl war der Mensch, der sich in die Sachlage fand, und als der Falerner auf dem Tische stand, brachte er den ersten Toast aus auf den »Neugeborenen«, in welchem der gute alte Studentenhumor wieder zum Durchbruch kam.