»Das ist nebensächlich. Ich habe gesprochen und meine Seele bewahrt. Gott sei mit Ihnen!«
»Und mit Ihrem Geiste!«
Einen Augenblick lagen die Hände der beiden Männer in einander, und ihre Blicke begegneten sich. Dann verschob sich das Bild wieder; andere Gruppen drängten heran, auch Parelli fühlte, wie man ihn vorwurfsvoll ansah, aber er schritt, freundlich nach allen Seiten grüßend, langsam über den weiten Platz, und der Sonnenschein, der denselben erfüllte, schien ihm in die Seele zu leuchten.
Immer schwüler wurden die Tage. Die Fremden begannen Rom zu verlassen – auch Quandt war mit den Seinen in die Heimat zurückgekehrt – und den Konzilsvätern wurde es zwiefach ungemütlich in der ewigen Stadt. Erschlaffung sank ihnen bleischwer in die Glieder, denn gar viele von ihnen waren den italienischen Sommer nicht gewöhnt, Erschlaffung sank ihnen aber auch lastend und lähmend in die Seelen, denn gar Manches war wieder seit jener bewegten Sitzung geschehen, das auch die Besten und Stärksten mit trüber Ahnung erfüllte.
Es war ein trauriger und aussichtsloser Kampf, welchen Ehrlichkeit und gründliches Wissen gegen römische Schlauheit und Willkür zu führen hatte, und die Kurie ging in demselben mit äußerster Rücksichtslosigkeit vor. Die durch Stroßmayrs Energie vereitelte »Einleitung« wurde »verbessert« wieder vor das Konzil gebracht, verbessert in dem Sinne, daß man die Schläge gegen den Protestantismus wegließ, dafür aber den Zusatz anhängte, daß man dem Papst gehorchen müsse, auch wenn er etwas verwerfe, was nicht gerade kirchenfeindlich oder ketzerisch sei.
Diese »Verbesserung« war viel schlimmer als die vorherige Fassung, und in ihr lag bereits der ganze Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Es wurde hin- und hergeredet, und zuletzt ward die bedenkliche »Einleitung« samt dem Zusatz angenommen. Einen besseren Erfolg konnte sich die päpstliche Partei nicht wünschen, und nachdem einmal dieser errungen war, konnte auch die Debatte über den neuen Glaubenssatz selbst anheben. Welch' warme, ergreifende, aus dem Herzen quellende Beredsamkeit ward nun noch einmal aufgeboten, um die Annahme des Glaubenssatzes zu verhindern! Die edelsten, besten, gelehrtesten Männer, welche die katholische Kirche besaß, traten dagegen auf, manch einer mit blutendem Herzen, denn sie ahnten ja den Ausgang und fürchteten den Schaden, welcher damit ihrem Glauben und seinen Anhängern bereitet werden mußte. Aber auch der Trost, seine Meinung äußern zu dürfen, sollte den Konzilsvätern nicht unbeschränkt bleiben.
Es war am 3. Juni, als der Cardinal Schwarzenberg in besonders heftiger Erregung um die Mittagsstunde heimkehrte. Auf der edlen, hohen Stirn lagen Falten des Unmuts, und die sonst so klaren Augen zuckten unruhig. Er kam mit Professor Meyer, dessen sonst so gleichmäßig ruhiges Gesicht ebenfalls von Erregung zeugte, und da er Frohwalt in einem Zimmer antraf, in welchem derselbe eben mit einer schriftlichen Arbeit beschäftigt war, blieb er vor diesem stehen und sagte:
»Mein lieber Doktor, das ganze Kirchenrecht kommt ins Wanken; ich fürchte, Ihre Studien und Kenntnisse haben nur noch geschichtlichen und nicht praktischen Wert. Hier in Rom wird nachgerade ein Kirchenrecht geübt, das kein Recht ist!«
Er brach ab und preßte die Lippen gegen einander, als habe er schon zu viel gesagt, dann ging er mit flüchtigem Gruße mit Professor Meyer weiter. Nach einem halben Stündchen kam der letztere aus dem Gemache des Kirchenfürsten. Er ließ sich neben Frohwalt auf einem Sitze nieder, und seufzte:
»Man wird zuletzt irre an allem! Es ist empörend, wie man hier mit den angesehensten Kirchenfürsten umspringt. Denken Sie, lieber Kollege, es waren noch fünfzig Redner eingeschrieben betreff des Dogmas, und das Präsidium erklärte heute mit einem Male: Die Debatten sind geschlossen. Eine ärgere Gewaltmaßregel läßt sich kaum mehr denken. Was haben wir deutschen Priester für eine erhabene Vorstellung gehabt von einer Kirchenversammlung, und welche entsetzliche Enttäuschung wird uns hier bereitet!«