»Uebereilen wir nichts,« sprach einer der französischen Bischöfe. »Lassen wir ruhig die Abstimmung sich vollziehen, wir haben dann wenigstens ein klares Bild über die Sachlage gewonnen, und wenn die Annahme nicht nahezu einstimmig erfolgt, so erheben wir Widerspruch!«
»Aber endlich ganz entschieden! Ich wollte, wir legten Widerspruch ein, ehe die Abstimmung oder gar die Verkündigung erfolgt, denn, heißt es einmal: Rom hat gesprochen, dann giebt es überhaupt keinen Widerspruch mehr!« ließ sich Stroßmayr vernehmen.
»Gut, warten wir ab – aber gehen wir dann auch entschieden vor, um das Aeußerste zu vermeiden!«
Das war zuletzt die überwiegende Meinung, und mit diesem Beschlusse gingen die Herren mit den roten und violetten Talaren auseinander.
Peter Frohwalt stand am Fenster, als die glänzenden, prächtigen Equipagen unten von dannen rollten mit den behaglich in den Polstern lehnenden Prälaten, und in seinem Herzen lag eine unendliche Bitterkeit. Alles äußerlich, alles Schein – innen Haltlosigkeit und Kraftlosigkeit, das war das allgemeine Bild, das erschien ihm als der Zustand der ganzen Kirche, und ihm, dem ehrlichen, treuen, überzeugungsfesten Katholiken fiel es wie Schuppen von den Augen, und er sah wie in einem Traume, was im Laufe der Jahrhunderte aus der Kirche Christi geworden war. Hier in Rom war Petrus, der einst ein armer Fischer war, für seinen Glauben gestorben, ein bedürfnisloser Mann, der seine Ruhestatt im Gefängnis hatte, und hier strebte sein in Prachtpalästen wohnender Nachfolger nach dem Nimbus der Göttlichkeit, und lebte, umgeben von Glanz und Herrlichkeit. In jenen alten Tagen aber hatte neben der Einfachheit die Wahrheit in der Kirche gewohnt, jetzt herrschte hier Weltklugheit und Schein.
Es war seltsam, daß Frohwalt in dieser Stunde Martin Luthers denken mußte, des schlichten Augustiners, der einst nach Rom gegangen war mit voller, freudiger Seele, um den Statthalter Christi und die wahre Herrlichkeit der Kirche zu schauen, und der mit blutendem Herzen heimwärts ging ob der fürchterlichen Enttäuschung, die ihm bereitet worden war und die ihn eine Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Kraft herbeisehnen ließ, ohne daß er noch daran dachte, daß er selbst zum Werkzeuge dieser Erneuerung berufen sein sollte.
Peter Frohwalt war gelehrt worden, den Augustiner von Wittenberg zu hassen, und er hatte das redlich und mit der ganzen Glut des fanatischen Katholiken gethan, und wie er heute an ihn dachte, war dieser Haß wie mit einem Male aus seiner Seele herausgewischt und die Gestalt des Reformators wollte ihm beinahe groß und achtunggebietend erscheinen. Und solch Empfinden mußte sich ihm in Rom aufdrängen!
Er wurde unruhig, erregt, er hatte das Bewußtsein, daß solch ein Denken Sünde sei, und doch auch wieder ein anderes, das ihn freisprach. O, wie vermißte er in dieser Stunde einen Menschen wie Quandt oder wie den Vetter Martin! Daß auch der Alte nicht wiederkam!
Und Tag um Tag verging, der eine unbehaglicher als der andere, und für den 13. Juli war die erste Abstimmung über den neuen Glaubenssatz festgesetzt worden. Zwei Tage zuvor traf Martin in Rom ein. Sein erster Gang war zu Quandts gewesen, und dieser war vergeblich, sein zweiter war zu Frohwalt. Der junge Priester hatte ihn umarmt mit der Herzlichkeit eines Sohnes, und schon aus diesem Empfange schloß der Alte auf Manches.
»Es hat länger gedauert mit meiner Wiederkunft, als ich dachte,« sagte er, nachdem er sich niedergelassen und nach seiner Gewohnheit sein kurzes Pfeifchen in Brand gesetzt hatte – »aber wie das eben Unsereinem geht! Also Neapel habe ich gesehen, und schön war's, Peter! Das muß man wirklich geschaut haben vor seinem Sterben. Auch im alten Pompeji bin ich gewesen, und man hat recht wunderliche Empfindungen, besonders wenn man mit leidlich lebhafter Phantasie diese Reste sich vervollständigt und im Geiste der Vorzeit ausbaut. Aber in Neapel ist der Geist des alten Seume über mich gekommen und ließ mir keine Ruhe; ich mußte weiter nach dem Süden und mußte auch meinen Spaziergang nach Syrakus haben. Und aus der Stadt, in der einst zu Dionys dem Tyrannen Möros, den Dolch im Gewande, schlich, komme ich geradenwegs zurück. Es ist derweilen etwas heiß geworden, und, wie mir scheint, spürt Ihr hier in Rom die Schwüle ganz besonders. Wie? – Du machst mir gar kein recht glückliches Gesicht, Peter, und es ist mir so zu Mute, als ob ich Dir gerade zurecht gekommen wäre, um Dir die Seele zu erleichtern. Das ist mein Schicksal, daß ich ein Beichtvater geworden bin, ohne die Weihen dazu erhalten zu haben, und es ist, als ob die verlassene Theologie sich an mir dadurch rächen wollte. Aber da ist sie im Irrtum, wenn sie meint, mir dabei einen Tort anzuthun. Mir ist nichts lieber, als wenn ich Herzen erleichtern kann. Also, mein lieber Doktor Peter – schieße los!«