»Ja, mein guter Vetter Martin – gerade Dich habe ich hergesehnt, und seit Du mir in Nedamitz aufgetaucht warst, an jenem traurigen Weihnachtsfeste, habe ich Dich niemals wieder so freudig begrüßt. Hier liegen die Dinge zum Verzweifeln. Dies Konzil …«
»Ach Du lieber Gott – da werde ich wohl nicht helfen können,« seufzte der Alte komisch – »für die Jesuiten ist es ein Lustspiel, für die Protestanten und andere ähnliche ein Schauspiel, und für gute, ehrliche Katholiken ein Trauerspiel. Du gehörst zu den letzteren, und da Du die Sache sozusagen aus der Proszeniumsloge ansehen kannst, begreife ich's, daß Du besonders davon ergriffen wirst. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich meine, es ist gut so für Dich, und wenn ich die richtige Empfindung habe, so hat dies Konzil Dir schon manche Schlacken abgeschliffen, die an Deiner gesunden Menschennatur sich gebildet hatten und ihr garnicht zum Vorteil gereichten. Aber da rede wieder ich – anstatt daß Du jetzt das Wort hast – das Alter macht geschwätzig!«
Und nun that Frohwalt sein Herz weit auf. Alle die Fülle von Enttäuschungen, welche Rom ihm gebracht in betreff der kirchlichen Einrichtungen im allgemeinen und geistlicher Persönlichkeiten im besonderen, betreff der Personenverherrlichung und des glänzenden Scheinwesens schilderte er ohne Bitterkeit, aber so klar und scharf, daß Vetter Martin voll Staunen den jungen Mann ansah, der mit solcher Sachlichkeit und mit solcher getreuen Ehrlichkeit die Verhältnisse erfaßte.
»Und wenn, wie nicht mehr zu zweifeln ist, durch eine einfache Stimmenmehrheit dieser neue, unerhörte Glaubenssatz angenommen wird, so kann nur eine Kirchenspaltung die Folge sein, und ich bete, daß aus ihr der Nutzen für alle Guten erwachse, daß eine abermalige Erneuerung der Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Wahrheit erfolgen möge. Mein Weg ist mir dabei vorgezeichnet und ich glaube, ich werde ihn leicht gehen können, wenn Männer wie der Cardinal Schwarzenberg und Professor Meyer mir voranschreiten,« schloß Frohwalt.
»Wenn!« sagte Martin und wiegte ernst das graue Haupt.
»Du glaubst doch nicht, daß sie gegen ihre katholische Ueberzeugung …«
»Ich glaube in dieser Beziehung nur den Thatsachen. Warten wir sie ab! Und zuletzt kommt es bei jedem immer nur auf seine persönliche Festigkeit an, und daß die ihm nicht verloren geht, wenn er andere, die er für fest gehalten hat, ins Wanken kommen sieht. In der Hauptsache ist mir's lieb, daß Dir die Augen in Rom aufgegangen sind, und daß Du unter anderem auch darüber Klarheit hast, daß in dem protestantischen Weibe Heinrich Quandts ein Reichtum von echter Religiosität und Liebe lebt, und daß sie trotz aller unfehlbaren päpstlichen Dekrete eine größere Garantie besitzt für die ewige Seligkeit, als selbst mancher Papst seligen, beziehungsweise unseligen Angedenkens haben durfte. – Uebrigens, was weißt Du Neues von Quandt? Und was hörst Du von Hans Stahl?«
Damit war das Gespräch auf ein ruhigeres Gebiet gekommen.
Am 13. Juli war der Petersplatz mehr belebt als sonst; so sehr das Interesse der Römer am Konzil im allgemeinen erloschen war, die Abstimmung in der Frage des neuen Glaubenssatzes war immerhin der wesentliche Punkt in der Geschichte dieser Kirchenversammlung, zumal bei der zwiespältigen Stimmung der Teilnehmer an derselben. Um die Mittagszeit, da die Sitzungen zu Ende zu gehen pflegten, ward es am lebendigsten in der Kirche sowohl, wie außerhalb derselben, und es war bereits bekannt, daß, abgesehen davon, daß verschiedene Kirchenfürsten Rom schon verlassen hatten, andere sich von der heutigen Sitzung fern gehalten hatten.
Auch Vetter Martin und Frohwalt gingen in den herrlichen Säulenhallen hin und her und harrten auf den für sie nicht zweifelhaften Ausgang; Martin war darüber ziemlich gleichgültig, der junge Priester dagegen erregt. Nun kamen die ersten der Konzilsväter aus dem Portale des Domes, näher drängten Neugierige heran, man wagte sogar, sich an diesen und jenen mit einer Frage zu wenden. Immer lebhafter drängte es nun durcheinander von seidenen Talaren und großen runden Hüten, die vielfach mit einer buntfarbigen Feder geschmückt waren. Zwischen ihnen huschten Angehörige des niederen Klerus, Mönche und Weltpriester hin, und auch die Gestalt des Jesuitenpaters Felice tauchte auf.