Pater Ignaz schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Aber das ist ja Ketzerei!«
»Die ich in Rom gelernt habe.« – –
Die beiden Männer trennten sich, ohne sich die Hand zu reichen, und Frohwalt trat in den Sonnenschein hinaus mit dem Vorsatze, die Pfarrei nicht mehr zu betreten, solange der Fanatismus hier seine Heimstatt hatte.
Die Sonne desselben Augustmorgens hatte auch in die Fenster der Wohnung des Dr. Haller hineingeleuchtet. Dieselbe gab überall Zeugnis von bestem Geschmack, einfacher Vornehmheit und einer verständnisvoll waltenden Frauenhand. Die Zeit der Sprechstunde, welche auf der Thüre von neun bis zehn Uhr festgesetzt war, war gekommen, in dem Wartezimmer flimmerte der Sonnenglanz auf den polierten Stühlen und der türkischen Decke, die auf dem Tische lag, aber der Raum war leer. Patienten, welche gekommen wären, würden aber auch den jungen Arzt nicht in seinem Sprechzimmer gefunden haben, sondern noch im Schlafzimmer. Er war, wie gewöhnlich, spät in der Nacht heimgekommen und holte nun am Morgen erst das Versäumte nach, was er um so leichter thun konnte, als er schon seit längster Zeit keine Patienten mehr im Städtchen selbst fand. Seine ersten unglücklichen Kuren hatten von ihm abgeschreckt, und mit dem Mißtrauen in seine ärztliche Kunst mischte sich außerdem bei den gewöhnlichen Bürgersleuten eine Abneigung gegen das kühle, vornehm-dünkelhafte Wesen des Doktors.
So suchte er wenigstens den Schein zu wahren, als habe er eine ausgedehnte Landpraxis, und man sah ihn jeden Vormittag auf seinem Fuchs hinausreiten zum Städtchen, und wenn die Bürgersleute in der Nacht durch Hufschlag aus dem ersten oder auch schon aus dem zweiten Schlaf geweckt wurden, wußten sie, daß Dr. Haller jetzt heimkehrte. An zahlreiche Patienten auf dem Lande glaubte aber trotzdem niemand, und man erzählte an den Biertischen der Spießbürger, sowie in den Weiberstuben seltsame Geschichten, wie er seine Zeit verbringe.
In der Oeffentlichkeit sprach man nicht davon, denn er gehörte zu den Vornehmsten im Städtchen, und die beste Gesellschaft verkehrte mit ihm, zumal er für einen trefflichen Unterhalter von feinen Manieren galt; besonders aber sahen die jüngeren, vermögenderen Elemente in ihm beinahe das Muster eines Lebemannes.
Am besten wußte freilich sein junges Weib, wie es mit seiner Praxis und mit seiner ganzen Lebensweise stand, und sie hatte oft genug in der heimlichen Einsamkeit ihres Zimmers bittere Thränen darüber geweint. Nach außen aber suchte sie ihren Jammer – trotzdem die blassen Wangen eine beredte Sprache redeten – zu verbergen, und es war rührend, wie sie darin dem Vogel Strauß gleich, von dem man sagt, daß er bei größter Not und Angst den Kopf unter den Flügeln verberge im Glauben, daß man ihn selbst mit seiner Sorge nicht sehe. Wohl hatte sie schon in seiner Bräutigamszeit manches bemerkt, was ihr nicht gefallen wollte, ein gewisses herrisches Wesen, einen Hang zu sinnlichen Genüssen, aber sie hatte gehofft, daß die Liebe ihm die Ecken seines Charakters abschleifen und das Unebene ausgleichen würde. Sie hatte ja so unendlich viel Vertrauen gehabt zu der Gewalt ihres Herzens und auch zu dem Herzen ihres Verlobten, und hatte diesen auch gegen den scharfsichtigen Vater verteidigt, der mitunter sehr zutreffende Bemerkungen gemacht hatte, der aber nicht seinem Kinde bei der Wahl eines Lebensgefährten in den Weg treten wollte, zumal er hoffte, daß die einfachen Verhältnisse der kleinen Landstadt und das liebe, sonnige Wesen seiner Tochter einen günstigen Einfluß üben würden.
Das alles waren getäuschte Erwartungen. Haller hatte einen leidlich guten Anlauf genommen, aber die ersten Mißerfolge und das damit zusammenhängende Gefühl der Beschämung, die er zu verbergen bemüht war, dann der Müßiggang, zu welchem er sich verurteilt sah und die Gesellschaft, in welche er bei seinen ländlichen Ausflügen geriet … das alles zusammengenommen war ihm verderblich, und auch die Liebe seines Weibes konnte ihn nicht halten auf der schiefen Ebene, auf der es ihn hinunterzog.
Therese wußte, daß er keine Patienten auf dem Lande besuchte; er hatte dort keine, so wenig wie in der Stadt; sie wußte, daß er spielte und trank, und sie hatte ihn oft wacher erwartet in tiefer Nacht, und mit Entsetzen bemerkt, daß er betrunken heimkam. Wenn er sie dann sah mit ihrem bleichen, verwachten Gesicht, überfiel es ihn anfangs wie Scham, aber da sie ihm keine Vorwürfe machte, sondern ihn nur stumm mit den großen, fragenden Augen anschaute, deren Blick er nicht zu ertragen vermochte, wurde er allmählich in solchen Fällen gereizt und zornig und sprach harte Worte, so daß sie es vorzog, nicht mehr auf ihn zu harren. Aber sie lag schlaflos im Bette, und hörte ihn heimkommen und regte sich nicht, auch wenn es ihr das Herz zusammenzog; und wenn sie ihn tief atmen hörte, dann schluchzte sie hinein in ihr Kissen.