Ihr Vater hatte sie besucht, ihm fiel ihr Aussehen auf, sowie das Wesen ihres Gatten, aber sie wich seinen Fragen aus und wußte ihn trotz ihres blutenden Herzens zu beruhigen. Und doch konnte es nicht so weiter gehen! Haller war nicht unvermögend, aber da er nichts verdiente und vom Baren zu leben begann, fingen auch die Vermögensverhältnisse an, beängstigend zu werden; ihr eigenes mütterliches Erbgut war ihr sicher geschrieben, aber die Interessen davon reichten gerade für den Haushalt, und wenn Haller wie sie fürchtete, anfing Schulden zu machen, so wurde auch diese Hilfsquelle in Mitleidenschaft gezogen, und es drohte das Schlimmste.
Auch diese Nacht war er erst gegen Morgen heimgekommen, und das bleiche, junge Weib, das am Fenster saß und nach dem kleinen Garten hinausblickte, der so freundlich im Schmucke der letzten Sommerblüten unter ihr lag, wußte auch, wie er gekommen war. Sie fand darüber keine Thränen mehr, aber sie wollte sich ein Herz fassen und mit ihrem Gatten reden mit dem Aufgebot all ihrer Liebe. So saß sie regungslos und lauschte auf jedes Geräusch im anstoßenden Schlafzimmer, das ihr verkündete, daß er erwacht sei. Mehrmals war sie auf den Zehen an die Thür geschlichen und immer wieder zurückgekehrt zu ihrem Sitze. Jetzt hörte sie ein sehr vernehmliches Räuspern, und wieder sprang sie auf.
Haller war in der That erwacht. Er sah mit glanzlosen Augen umher und griff mit den Händen nach der schmerzenden Stirn. Dann warf er gähnend einen Blick hinüber nach der Uhr und sank wieder zurück. In diesem Momente trat Therese ein. Sie war allerliebst in dem hellen Morgenanzuge mit dem freundlichen Gesichte, über welchem jetzt ein feiner, rosiger Hauch, halb der Verlegenheit, halb der Verschämtheit lag, und wie Haller sie bemerkte, leuchtete sein Blick eine Sekunde lang auf.
»Ach, das ist hübsch, Schätzchen, daß Du mir einmal einen Morgengruß bringst. Komm her, gieb mir einen Kuß … Du bist ja ganz wunderhübsch.«
Er zog die Nähertretende zu sich heran, und sie ließ sich willig küssen, dann aber wehrte sie sich sanft gegen seine Umschlingung:
»Laß mich, Paul … mir ist's nicht zum Kosen und Küssen … Du weißt, daß mir das Herz schwer ist!«
»Und mir der Kopf!« lachte er wüst – »da passen wir zusammen.«
»Ich muß mit Dir sprechen – und es ist schlimm genug, daß ich keine andere Stunde dafür finden kann …« sprach das junge Weib mit beklemmtem Atem.