Er lachte roh, so daß sie erbleichend ihn ansah, und plötzlich ein seltsames Gefühl hatte. Ihr war, als sei in diesem Augenblicke ein Riß durch ihre Seele gegangen, als wäre sie aus einem Traume erwacht, in welchem sie diesen Mann geliebt hatte. Sie richtete sich hoch auf und sprach:
»Verzeih mir's Gott – aber ich fange selbst an, Dich zu verachten!«
Das Wort hatte eine seltsame Wirkung auf ihn. So lange sein Weib flehend, bittend, in ihrer demütigen, rührenden Schönheit vor ihm stand, war es ihm eine Lust, sie – die seine Liebkosungen abwehrte – zu quälen, weil er ein Uebergewicht und eine Herrschaft über sie zu haben glaubte, die ihm durch ihre Liebe gesichert schien – dies Wort aber ließ ihn erkennen, daß er seine Macht überschätzt habe, und das versetzte ihn in Erregung und Zorn. Er raffte sich auf und seine Augen und seine Hände suchten nach irgend einem Gegenstande, welchen er nach Therese schleudern könnte, während sein blasses, übernächtiges Gesicht sich dunkelrot färbte.
In diesem Augenblicke pochte es an der Thür. Die junge Frau ging hinaus und das im Nebenzimmer befindliche Dienstmädchen überbrachte ihr eine Karte mit dem Namen Ferdinand von Sorb und meldete, daß ein Herr den Herrn Doktor zu sprechen wünsche, aber nicht als Patient, wie er hinzugefügt habe.
Therese hatte den Namen wohl gehört, aber sein Träger war ihr unbekannt, und sie begab sich nach dem Salon, wohin das Mädchen denselben geführt hatte. Hier traf sie einen noch jungen Mann mit etwas verlebten Zügen, der zwar einigermaßen verlegen schien, als sie eintrat, aber doch mit weltmännischer Gewandtheit seine Entschuldigung vorbrachte. Er fragte an, ob er nicht Herrn Dr. Haller selbst sprechen könne, da seine Angelegenheit keinen Aufschub dulde.
Therese wußte nicht, warum sie vor dem Manne ein unverkennbares Unbehagen empfand, und mit einem Gefühl der Beschämung, das sie hatte bei dem Gedanken, daß Herr von Sorb das Unwahre ihrer Worte erkennen müsse, sagte sie mit erzwungener Ruhe:
»Mein Mann fühlte sich unwohl und hat das Bett noch nicht verlassen, ich werde ihn jedoch von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Wunsche verständigen und bitte indes, sich zu gedulden!«
Sie entfernte sich und atmete jenseits der Thüre einmal tief auf, dann ging sie zagend nach dem Schlafzimmer zurück und rief die Worte hinein:
»Ein Herr von Sorb wünscht Dich dringend zu sprechen«!«