Herr von Sorb entfernte sich mit ziemlich hochmütigem Gruße, Haller aber ballte hinter ihm die Fäuste und sah finster drein. Er hatte sich tief zurückgelegt in den Fauteuil, von dessen dunkler Sammtlehne sein bleiches Gesicht sich scharf abhob und stierte vor sich hin.
Es waren 1200 Gulden, die er an den andern verspielt hatte, und er wußte nicht, woher er sie bezahlen sollte. Er hatte sie in der That nicht vorrätig, aber er wußte auch nicht, woher er sie flüssig machen sollte. Seine eigenen Mittel waren erschöpft, denn seine Lebensweise und fast immerwährendes Unglück im Spiel hatten in kurzer Zeit große Lücken gemacht, seines Weibes Heiratsgut war festgelegt, und er fand gerade nach der heutigen Szene nicht den Mut, sich ihr zu offenbaren. Davon hielt ihn wohl auch sein finsterer Trotz ab, der einen Grundzug seines harten, dünkelvoll unbeugsamen Wesens bildete.
Und doch mußte das Geld geschafft werden. Er zermarterte seinen schmerzenden Kopf und ließ an seinem Geiste alle seine sogenannten Freunde vorübergehen, ohne daß er bei einem derselben einen Hoffnungsstrahl erkannte. Zuletzt kam er, wie fast alle Spieler, wieder zu dem zweifelhaften Hilfsmittel zurück, das Glück zu versuchen mit dem letzten Reste seines baren Geldes. Es waren noch ungefähr fünfhundert Gulden, die er zum Teil erst am Abend vorher gewonnen hatte … auf sie setzte er sein Hoffen. Mit beinahe nervöser Hast erfaßte er den Gedanken, heute nach einer benachbarten größeren Stadt zu reiten, wo Pferdemarkt abgehalten wurde; dort fanden sich Offiziere, vermögende Landedelleute, Rittergutsbesitzer, reiche Roßhändler ein, und er wußte, daß dort hoch gespielt wurde. Dahin gedachte er sich zu begeben.
Er machte sich rasch fertig. Ein Frühstück nahm er nicht ein, auch von Therese verabschiedete er sich nicht. Schon nach einer halben Stunde ritt er fort auf seine »Landpraxis«, wie er die Leute glauben machen wollte. Auch sein Weib sah ihn hinter den herabgelassenen Gardinen, wie er mit dem blassen finsteren Gesichte vorübertrabte, ohne einen Blick nach den Fenstern heraufzuwerfen, etwas vornübergebeugt, als ob er über Unangenehmes sinne. Sie war es gewohnt, ihn um diese Zeit reiten zu sehen, auch war er manchmal schon gegangen, ohne ihr ein kurzes Abschiedswort zu sagen, heute aber überkam sie, nachdem der Hufschlag verhallt war, ein unsägliches Gefühl des Verlassenseins, der Bangigkeit und Schwermut, ein Gefühl eines maßlosen Jammers; sie ging in ihr kleines, freundliches Zimmer, und aufschluchzend sank sie in einen Sessel.
Haller aber ritt anfangs langsam die Straße entlang, die gegen Burgdorf aufstieg. Auf der Hochebene jedoch gab er dem Pferde den Sporn und jagte rasch dahin, seinem Ziele zu. Um die Mittagszeit kam er in der Stadt an und suchte sogleich das Hôtel auf, in welchem er seine Gesellschaft zu finden hoffte. Er hatte sich auch nicht getäuscht: Bekannte Lebemänner aus der ganzen Umgegend hatten sich in einem besonderen Zimmer zusammengefunden, und er ward von den meisten in beinahe vertraulicher Weise begrüßt.
Man war eben dabei gewesen, sich zu Tische zu setzen, als er kam, und da ihn der Hunger plagte, hatte er rasch seinen Platz eingenommen. Die trefflichen Speisen, der ausgezeichnete Wein, die ganze laute, lärmende Gesellschaft übten bald ihren Einfluß, und als erst die Champagnerkorke knallten, da ward er von ausgelassener, beinahe übertriebener Lustigkeit und stürzte Glas um Glas des prickelnden Schaumweins hinab. Dabei konnte er augenscheinlich die Zeit nicht erwarten, bis man daran ging, den Tisch für das Hazardspiel herzurichten. Der Wirt kannte seine Gäste, und obwohl solches Thun gesetzlich verpönt war, leistete er demselben doch Vorschub, denn er kam dabei nicht zu kurz.
Das kleine Speisezimmer lag in dem ersten Stockwerk nach dem Garten hinaus, welcher der Familie des Wirtes ausschließlich gehörte und um diese Zeit von niemandem besucht war, und wenn man auch da und dort von dem Spielklub munkelte, der besonders zu Marktzeiten sich hier zusammenfand, so hatte doch die Behörde niemals Notiz genommen von solchen Gerüchten, und die Beteiligten konnten ganz sicher sein.
So saßen sie auch heute wieder beisammen schon am hellen Nachmittage, und das Spiel war im besten Gange. Haller beteiligte sich an demselben mit wechselndem Erfolge, ohne durchgreifenden Gewinn oder Verlust. So ging es, bis der Abend hereindämmerte. Die Lichter wurden angezündet, und da dem Weine ausgiebig zugesprochen worden war, sah man manches besonders erhitzte und glühende Antlitz und leidenschaftlich funkelnde Augen. Haller hatte nach seiner Gewohnheit stark und schwere Weine getrunken, aber seine Gesichtsfarbe war fahl; Schweiß stand ihm auf der Stirne.
Es war, als ob mit den flammenden, flackernden Lichtern sein Unstern aufgegangen wäre, und was sein Unbehagen ganz besonders steigerte, war, daß gerade jetzt auch Herr von Sorb ankam und sich mit außerordentlicher Kaltblütigkeit am Spiele beteiligte. Dem Doktor schien es dabei, als ob jener manchmal wie mit spöttischem Lächeln ihn streife, als ob er seine Gedanken erriete, und so wurde er immer erregter und zugleich immer unsicherer, so daß auch die Aufmerksamkeit der andern sich gerade ihm immer mehr zuwendete.
Jetzt setzte er sein letztes Geld auf eine Karte. Seine Augen flimmerten, seine Hände, die auf der Tischplatte lagen, bebten wahrnehmbar – einige Augenblicke später hatte er verloren.