»Ich glaube, ich habe Sie verstanden, lieber Freund!« sprach Holbert mild, »und wenn ich recht ahne, führt Sie dasselbe zu mir, was mich veranlaßt hat, vor den Cardinal zu treten. Kommen Sie! Liebes Kind, Du läßt uns wohl allein!«

Therese war bereits im Begriffe gewesen, sich zu entfernen; sie empfahl sich nun mit Herzlichkeit, und gleich darauf saßen die beiden Männer vertraulich Seite an Seite. Und nun öffnete Frohwalt dem Professor sein ganzes Herz, den Einblick in den bittern Kampf, welchen er kämpfte zwischen der Ueberzeugung und der Forderung des Gehorsams gegen die Kirche; er verhehlte ihm nicht die Zweifel, die ihm noch manchmal kamen, ob es nicht doch ein Unrecht sei, in dem Widerstande zu verharren, wenn alle Kirchenfürsten sich beugten, und verschwieg auch nicht die Besorgnis, was mit ihm werden solle, wenn er vom Amte enthoben würde.

Holbert hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Als er schwieg, sah er ihm mit milder Freundlichkeit ins Gesicht und sprach:

»Ich habe diese Stunde kommen sehen, mein lieber Freund, weil ich seit langem Sie als eine im innersten Kerne tüchtige und wahre Natur kenne und schätze, und ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne mich den einzig wahren Weg in diesem Wirrsal finden und ihn gehen würden. Was gegen den neuen Glaubenssatz gesprochen hat und heute noch ebenso dagegen spricht, wissen Sie so gut wie ich. Daß sich aber unsere Kirchenfürsten und Theologen jetzt schweigend unterwerfen, ist kein Beispiel, das zur Nachahmung verpflichtet. Im Gegenteil, wenn Tausende feige werden, gewinnt der Mut des Einzelnen erst an Wert und Gewicht. Der neue Glaubenssatz stellt die ausschließliche, rücksichtslose Herrschaft des Papstes über Fürsten und Völker als eine Lehre der Kirche hin. Das kann kein wahrer Katholik, das kann überhaupt kein vernünftig und klar Denkender annehmen; wer aber diese Lehre vom 18. Juli als Glaubenssatz äußerlich annimmt und glaubt, oder gar, wer sie bloß äußerlich annimmt und nicht glaubt, der verliert allen Anspruch auf die Achtung der andern, sowie auf seine Selbstachtung, denn er belügt sich und andere und ist ein Heuchler. So und nicht anders liegt die Sache, und zum Heuchler haben Sie so wenig das Zeug wie ich. Darum thun Sie mit Gott, was Ihrem Wesen entspricht, und geben Sie der Wahrheit die Ehre; was daraus folgt, das überlassen Sie dem Himmel, er wird Sie nicht verlassen, und bei Ihren Kenntnissen und Ihrem Charakter brauchen Sie nicht um die Zukunft bange zu sein.«

Wiederum drückte Frohwalt warm und innig die Hand des andern:

»Ich danke Ihnen herzlich, Herr Professor, für Ihre Anerkennung meines Wesens und Charakters, sowie für Ihre freundschaftlichen Worte überhaupt, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nichts thun werde, dessen ich mich vor Ihnen und vor mir selbst schämen müßte. Doch gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie denken Sie sich das Verhältnis derer, die um ihres Mutes willen hinausgedrängt werden aus der Kirche?«

»Eigentlich ist diese Ausdrucksweise nicht die richtige, denn wir, Sie, ich und alle, die gleich uns denken, stehen auf dem alten, einzig wahren Boden der Kirche, aus welcher alle jene sich selbst ausscheiden, die diese Neuerung als Glaubenssatz annehmen. Und was mit uns geschehen soll? Nun, wir Katholiken, welche der alten, staatsrechtlich anerkannten katholischen Kirche treu bleiben und an ihr festhalten wollen, wir werden den Staat angehen um seinen Schutz und ihn um Durchführung unserer im Staatsgesetze von selbst anerkannten kirchlichen Rechte bitten. Es handelt sich doch nur darum, daß wir alten, echten Katholiken in unserem Rechte als katholische Priester und Laien nach der anerkannten Lehre und Verfassung der Katholiken leben zu können, geschützt werden; wir bitten um Schutz für die treuen Priester und Pfarrer, die etwa durch Vergewaltigung vertrieben worden sind, um Schutz für die Vornahme aller kirchlichen Akte durch dieselben, welche nach den Gesetzen staatliche Bedeutung haben, wie Taufe, Eheschließung und Begräbnis, um Schutz für öffentliche Religionsübung und für Religionsunterricht in der bisher anerkannten Lehre und Aehnliches.«

»Und meinen Sie, daß der Staat darauf eingehen werde?«

»Das glaube ich allerdings, und wenn man auch in Oesterreich, dem Hort des Katholizismus, anfänglich vielleicht Schwierigkeiten macht, so wird in Deutschland der Boden für das gute Alte zuerst bereitet werden und Oesterreich wird sich demselben nicht verschließen können.«

»Das würde allerdings zu einer Spaltung führen von Alt- und Neukatholizismus.«