Da war keine Zeit, um anderes zu erörtern. Wohl ging er zu dem Seminardirektor, aber nur, um sich einen sofortigen Urlaub zu erbitten, und noch in der Nacht traf er in der Heimat ein.

Das kleine Städtchen lag in tiefem Schlummer, als er mit dem Wagen, den er auf der letzten Station gemietet, durch das alte Thor einfuhr. Mit der Hast der geängstigten Liebe betrat er das freundliche, traute Heimatshaus, zu dessen Fenster ein müder Lichtglanz herausschimmerte. Er wußte, daß hinter jenen Scheiben die alte Frau lag, die sich wohl zum letzten Male nach dem Sohne sehnte, und sein Herz schlug ihm mit einmal bange zum Zerspringen.

Er trat ein in das Stübchen und der Lichtschimmer zeigte ihm die Gesichter des Uhrmachers Freidank und seines Weibes, die rechts und links von dem Lager saßen, auf welchem Frau Frohwalt gebettet lag.

Die Kranke hatte in all ihrer Schwäche, in ihrer halben Bewußtlosigkeit doch das Rollen des Wagens gehört und versucht, sich zu erheben. Aber die Schwäche übermannte sie, so daß sie mit geschlossenen Augen zurücksank, doch mit einem Lächeln um die Lippen. Mit wenigen Schritten war der Sohn bei dem Bette der Mutter, und als ob die alte Frau seine Nähe empfände, öffnete sie wieder die Augen, weit und hell, und mit aufflackernder Kraft streckte sie dem Geliebten die Arme entgegen.

Frohwalt aber war niedergesunken an dem Lager und küßte die welken, erkaltenden Hände, die seinen Lippen sich entzogen und sich jetzt liebkosend auf sein Haupt legten; der Mund der Kranken aber flüsterte:

»Gott sei Dank, daß ich Dich noch einmal sehe, nun sterb' ich gerne. Du wirst für mich beten … ich geh' zum Vater. Und habe Marie lieb und Freidank – – er hat mich gepflegt und gehalten, wie ein Sohn … hörst Du, Peter?«

Dieser erhob sich und streckte seinem Schwager die Arme entgegen, und stumm hielten sich die beiden Männer umschlungen, während Marie mit gefalteten Händen daneben stand, und die Augen der Kranken seltsam hell glänzten.

»Dank – Dank!« flüsterte sie wieder – »und nun … schlafen … schlafen …«

Frohwalt zog rasch auch die Schwester an sein Herz und küßte sie, dann aber setzte er sich an das Lager der alten Frau und hielt ihre Rechte in seinen Händen. Und so schlief sie, ruhig lächelnd, immer leiser atmend, bis mit dem Morgen kein Hauch mehr die Brust hob.

Als der erste Sonnenstrahl in das Fenster fiel, standen die Drei um die bleiche Tote her, und Frohwalt betete in ergreifender Andacht ein Vaterunser, und machte über die erkaltende Stirn das Zeichen des Kreuzes. Die geweihte Kerze, welche angezündet worden war, wurde verlöscht, und der junge Priester sagte: