»Freidank, meine Mutter hat Sie ihren Sohn genannt … lassen Sie uns Brüder sein! Ich weiß, daß ich an Ihnen gut zu machen habe!«

Der Uhrmacher hatte trotz der Trauer Augen, die von innerem Glück leuchteten; er zog sein leise weinendes Weib an sich und sprach:

»Nein, wir sind nicht schlechte Menschen, und unser Glaube ist auch ein guter Glaube. Darum hoffen wir auch, einmal mit der lieben Toten hier wieder vereint zu werden.«

»Das hoffe ich auch,« sagte Frohwalt … »und nun laßt uns eine Stunde ruhen, ehe wir an die weiteren Pflichten für unsere Mutter denken.«

Drei Tage später wurde die alte Frau begraben unter allgemeiner Beteiligung des ganzen Städtchens. Hinter dem Sarge ging zwischen dem Gatten und dem Bruder Marie, unmittelbar hinter dem Pfarrer, P. Ignaz; der sah finster und mürrisch drein, und als auf dem Gottesacker auch die beiden evangelischen Leidtragenden ihre Schaufel Erde hinunterrollen ließen auf den schlichten Sarg, war es ihm, als müsse er sie hinwegstoßen von der geweihten Scholle, aber das ernste Auge Frohwalts, das auf ihm ruhte, schien ihn einzuschüchtern: Seit der Beerdigung Hallers hatte er nicht mehr völlig jene Energie des Fanatismus wie vorher.

Als am andern Morgen die Seelenmessen für die Verstorbene in der Kirche gelesen wurden, hatten sich auf Veranlassung Frohwalts Freidank und seine Frau wiederum eingefunden, aber sie saßen ganz hinten im Halbdunkel unter dem Chor und beteten dort still für das Seelenheil der Heimgegangenen, während Frohwalt selbst mit dem trauerfarbigen Meßgewande angethan am Hauptaltare den Totengottesdienst abhielt. Die Messe, welche er für seine Mutter darbrachte, sollte die letzte sein, welche er in seinem Leben las, und andachtsvoller hatte er wohl auch selten eine celebriert.