Einundzwanzigstes Kapitel.
Der Frühling des Jahres 1871 war gekommen. Das gewaltige Kriegsspiel in Frankreich hatte sein Ende erreicht, mit Blut und Eisen war die Einigung Deutschlands vollzogen und die alte deutsche Kaiserherrlichkeit wieder erneut worden. Ueber tausend Heldengräbern im welschen Land grünte und blühte es, und wie ein echter Friedensherold zog der junge Lenz durch die Welt. Auch in dem kleinen Landstädtchen in Böhmen hatte er seinen Einzug gehalten und hatte die Bäume in Vetter Martins Garten mit seiner ganzen blühenden Herrlichkeit überschüttet. Darunter ging an einem besonders schönen Morgen der alte Herr langsam auf und nieder: Der Wandertrieb begann sich zu regen, und in seiner Seele erwog er verschiedene Pläne. Er wäre schon lange wieder in der weiten Welt gewesen, wenn er nicht um Peter Frohwalts willen daheim geblieben wäre, denn der junge Priester befand sich seit etwa einem halben Jahre in seiner Vaterstadt, ohne zunächst noch recht zu wissen, was mit ihm werden solle.
Er hatte seinem Gewissen gemäß sogleich nach dem Tode der Mutter seine Stellung zu dem neuen Glaubenssatze ehrlich vor seinen Vorgesetzten ausgesprochen, die sich vergebens bemühten, ihn zur Annahme der päpstlichen Unfehlbarkeit zu bewegen. Aber man liebte und achtete ihn, vielleicht gerade wegen seines ehrlichen Mutes, und wollte nicht mit den strengsten Mitteln gegen ihn vorgehen; darum ward er von seinem Amte und allen priesterlichen Thätigkeiten vorübergehend enthoben und ihm eine halbjährige Frist gestellt, nach deren Ablauf er erklären solle, ob er geneigt sei, sich zu unterwerfen.
Er wollte und konnte diese Zeit nicht in Prag zubringen, und darum begab er sich nach der Heimat, obwohl er wußte, daß der kleinliche Klatsch sich hier an seine Fersen heften und daß vor allem Pater Ignaz alles thun werde, um ihn in hämischer Weise zu verunglimpfen. Aber das konnte ihn nicht anfechten. Er hatte die beste Stütze in seinem guten Bewußtsein und eine andere, ganz vortreffliche in dem Vetter Martin, der sein ganzes Verhalten in dieser Sache völlig billigte und in gewisser Hinsicht sein Schicksal teilte, indem er sich auch als einen nicht mehr vollgültigen Katholiken ansah.
Frohwalt wohnte im elterlichen Hause, welches von Freidank, der sein kleines Besitztum veräußert hatte, bezogen worden war, und da er auf jeden Anteil an dem väterlichen Erbe zu gunsten der Schwester und ihres Kindes verzichtet hatte, ließen es sich der Uhrmacher und seine Frau nicht nehmen, ihn auf das Beste zu pflegen. So hatte er jetzt im täglichen Verkehr erst recht Gelegenheit, das ganze prächtige Wesen, die schlichte Herzlichkeit und die wahre Frömmigkeit seines Schwagers zu beobachten. Er sah unmittelbar vor sich das Bild einer anmutigen, auf den schönsten sittlichen Grundlagen ruhenden Häuslichkeit, mit welcher ganz sichtbarlich auch der Segen des Himmels verbunden war, und manchmal wollte es ihn beinahe wie Rührung erfassen, wenn er Zeuge war, wie Freidank und seine Schwester ihre Kinder beten lehrten für Tote und Lebende, auch für ihn. Er dachte beinahe nicht mehr daran, daß es »Evangelische« waren, mit denen er verkehrte, und aus deren kleinem Kreise ein schöner Hauch echten und duldsamen Christentums ihn anwehte: Nein, eine kirchliche Lehre, die solche Bekenner hat, ist keine ketzerische, gotteslästerliche und verwerfliche – das war ihm völlig klar.
Um nicht müßig zu sein, beschäftigte er sich mit historischen und kirchenrechtlichen Studien, schrieb Aufsätze für verschiedene angesehene Blätter, die ihn mit ihrem Honorar in den Stand setzten, nicht ausschließlich auf Kosten seiner Verwandten leben zu müssen, und beschäftigte sich auch mit einem größeren wissenschaftlichen Werke, wobei ihn Professor Holbert in eingehender Weise unterstützte.
Außer mit Vetter Martin verkehrte er sonst beinahe mit niemandem im Städtchen; bei diesem aber sprach er täglich ein Stündchen wenigstens vor, oder machte wohl auch ab und zu mit ihm einen längeren Spaziergang, und eben, weil der Alte wußte, was er ihm just in dieser Zeit war, hatte er sein Wandergelüst unterdrückt, aber Sonnenschein und Frühlingsluft, blauer Himmel und blühende Welt hatten es ihm einmal angethan und zogen ihn auch jetzt mächtiger als je ins Weite.
Er schob seine Mütze bald hinaus aus der Stirn, bald zog er sie herein, er schnupperte förmlich nach der Lenzesluft und that immer wieder ein paar tiefere Atemzüge … da kam der Postbote an den Gartenzaun und reichte einen Brief herüber. Martin kannte die Handschrift, er war von Heinrich Quandt; darum öffnete er das Schreiben mit Behagen und las: