»Alter lieber Freund und Wandervogel!

Da sitze ich seit drei Tagen mit Fritzel auf meinem oder richtiger meiner Schwiegereltern Landsitz und freue mich an den Blüten, die der Frühling auch im Erzgebirge hervorgelockt hat, und denke mir, wie hübsch es wäre, Sie einmal hier zu haben auf ein paar Tage. Wir haben seit Rom nicht viel von einander gehört, was aber nur beweist, daß wir alle beide saumselige Briefschreiber sind, im Herzen aber haben wir uns wohl gegenseitig bewahrt – ich wenigstens kann für meinen Teil gutstehen. Wandern müssen Sie doch einmal, wie ich Sie kenne, also holen Sie frisch den Knotenstock und brechen Sie auf ins Erzgebirge – so schön und blütenfrisch bekommen sie's nicht gleich wieder zu sehen. Und noch eins will ich Ihnen verraten. Hier in Ehrenberg sitzt noch einer, der vor Sehnsucht nach seinem Vetter Martin bald vergeht – das ist unser Held Stahl. Der arme Teufel hat – wie Ihnen ja bekannt ist – stark Blut lassen müssen fürs liebe Vaterland. Der linke Arm liegt noch in der Binde und wird wohl nicht mehr ganz dienstfähig werden, aber die Wunde, die ihm der Granatsplitter in die Brust gerissen, ist ziemlich verheilt. Er selbst ist frisch und lebenslustig, und Fritzel, die den lieben Genesenden eigentlich hierhergelockt hat, geht mit ihm um, daß ich auf den Ritter des eisernen Kreuzes – und das ist er, wie Sie vielleicht nicht wissen – mitunter beinahe eifersüchtig werde. Was macht Herr Dr. Frohwalt? – – Es waren doch hübsche Tage damals in Rom, und wir sähen ihn fürs Leben gern auch einmal wieder. Wenn Sie Gelegenheit haben, grüßen Sie ihn herzlich von uns. Aber daß ich das Interessanteste nicht vergesse. Denken Sie, der gute Prälat Parelli hat in seinem Testamente seine Schützlinge nicht vergessen, und vor kurzem ist auf dem gehörigen Instanzenwege die Nachricht eingetroffen, daß er sowohl Sisto als Hans Stahl je 5000 Scudi (d. i. 20000 Mark) zu ihrer künstlerischen Ausbildung übermacht habe. Er hat doch ein prächtiges Herz gehabt, dieser Monsignore. Hans Stahls weitere Künstlerlaufbahn war zwar durch die Versöhnung mit seinem Vater gesichert, aber der Zuschuß ist nicht zu verachten, und für Sisto soll er nutzbringend bis zu seiner Großjährigkeit angelegt werden. Der Junge macht übrigens wunderbare Fortschritte und seinen »Eltern« große Freude. Am liebsten hätte ihn Fritzel mit hier – aber das geht denn doch nicht, er darf nicht so ohne weiteres von seinem Meister weggenommen werden, bei dem er trefflich aufgehoben ist. Der Junge spricht schon ein ganz niedliches Deutsch und wächst sich, wie ich mit Vaterstolz sagen kann, zu einem wahren Adonis aus, der den Dresdner Mädchen einmal gefährlich werden kann.

Doch genug! Vieles andere mündlich – denn daß Sie nun doch kommen, zumal ich Stahl gern mit Ihnen überraschen möchte, nehme ich fest und entschieden an. Also auf Wiedersehen in Ehrenberg! Mit vielen Grüßen auch von Fritzel

Ihr alter treuer Freund Heinrich Quandt.«

Vetter Martin faltete das Schreiben zusammen, und war nahe daran, einen Luftsprung zu machen vor Vergnügen, aber er besann sich, daß er sich in seinem Garten so gut wie auf offener Straße befand, und so begnügte er sich, ein paar Mal kräftig mit den Fingern zu schnalzen und im Weitergehen vor sich hinzubrummen:

»Was doch für wunderliche Dinge auf diesem Planeten passieren! Mein Lausitzer Windhund ist Ritter geworden und erbt ein kleines Vermögen – das ist doch, um sich in die Nase zu beißen! Aber es steckt was in dem Bengel, das habe ich herausgewittert, schon als ich ihn zum ersten Male unter den toten Juden sein Süßholz raspeln hörte … Freilich! Wo werde ich denn jetzt hier sitzen bleiben können, das ist ja der reine Fingerzeig des Himmels, und – holla, das ist das Allerhübscheste! – Peter Frohwalt muß mit, das ist meine Ueberraschung! – Ach, Hochwürden, das trifft sich gut, Nachrichten von Hans Stahl!«

Martin hatte am Gartenzaune den Kapuzinerpater Severin vorübergehen sehen und eilte ihm entgegen. Der junge Mönch war auf den Anruf einen Augenblick stehen geblieben, und über sein bleiches Gesicht flog eine Röte, als er durch das Gitterthor eintrat, und dem alten Herrn die Hand reichte.

Severin war seit dem Tode Hallers einigermaßen verändert; sein Aussehen war leidend, und die Blässe seiner Wangen trat im Gegensatze zu dem dunklen Vollbart noch mehr hervor, aber was ihn eigentlich quälte, wußte niemand. Seit er Therese in jener furchtbaren Stunde einen Augenblick an seinem Herzen und in seinem Arme gefühlt hatte, hatte es ihn wie mit verzehrender Unruhe erfaßt, und schwerer als zuvor rang er mit sich selbst. Sie war ja wieder frei und er ahnte es, Hans Stahl werde sie nun gewinnen, er aber werde zum zweiten Male entsagen, und diesmal fiel es ihm schwerer als zuvor.

Der Alte teilte ihm mit, was er von dem jungen Lausitzer erfahren hatte, und daß er ihn aufsuchen wolle, und um die Lippen des Kapuziners flog ein beinahe schmerzliches Lächeln, da er sagte: