»So? – Das ist eine Erbärmlichkeit, so im Knabentrotz dem Herrn und seiner Kirche den Rücken zu kehren und sein eigen Seelenheil von sich zu stoßen. Die Kirche freilich verliert nichts daran, denn der Mann war schon ein räudiges Schaf, als er das protestantische Weib heimführte, aber es ist um das Aergernis, welches eine solche That giebt. Das ist nicht mehr Verblendung, sondern Verstocktheit und Herzenshärte, welche, anstatt in diesem Todesfalle die mahnende Hand des Herrn zu sehen und ihrem Winke zu folgen, denselben verrät und verleugnet. – Für unsere Familie kann keine Gemeinschaft mehr bestehen mit dem Hause Freidanks, und von Dir, Marie, erwarte ich besonders, daß Du Dich fern hältst. Es will mir auch sonst nicht schicklich scheinen, wenn ein junges Mädchen einem unbeweibten Manne ins Haus läuft, als hätte sie es auf ihn abgesehen.«

In das Gesicht Mariens stieg eine heiße Röte bis unter die glänzenden Haarflechten, und ihre Stimme bebte vor Erregung, als sie sprach:

»Ich glaub's nicht, daß es Leute giebt, die so denken, denn ich sowohl, wie Freidank haben bei diesem Jammer anderes im Sinn. Aber wüßt' ich auch, daß man so spricht, es könnt' mich nicht abhalten, ab und zu nach dem Kinde zu sehen, das seine Mutter mir auf die Seele gebunden hat, noch als ich das letzte Mal mit ihr gesprochen habe. Und die Kleine hängt auch an mir. Wenn aber der Freidank evangelisch werden will, so kann ich's wenigstens begreifen, wenn ich's auch nicht billige. Es ist, wie ich Dir gesagt habe, daß auf solche Weise die Kirche auch treue Kinder verlieren kann.«

Peter Frohwalt hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und sah mit großen, starren Augen seine sonst so zurückhaltende, schüchterne Schwester an.

»So? – Was heißt auf solche Weise? – Weil die Kirche auf ihren ehrwürdigen Satzungen besteht und sie nicht um der Gefühlsduselei jedes beliebigen Thoren willen bricht, soll sie verantwortlich gemacht werden? Auf welcher Seite ist die Treue und die Treulosigkeit? – Das glaube ich, daß das Grab in der Friedhofsecke bei thränenseligen Weibern ein romantisches Mitgefühl erweckt, aber das ist vorübergehend, und ruhige Erwägung wird der Kirche zuletzt Recht geben. Das hoffe ich auch von Dir, und darum erwarte und wünsche ich, daß Euer Verkehr mit Freidank aufhört. Das seid Ihr mir schuldig.«

Die Röte war aus dem Antlitz des Mädchens gewichen, und sie saß mit gefalteten Händen schweigend da, indes die Mutter sagte:

»Gewiß, Peter hat Recht, und uns kann das niemand übel nehmen. Marie wird sich schon fügen –« bemerkte sie begütigend zu dem Sohne und goß ihm dabei den dampfenden Kaffee in die goldgeränderte Tasse. Dann wurde es ganz stille in der Stube, keiner der drei Menschen fand mehr ein Wort, Marie aber fühlte, wie ihr die Thränen über die Wangen rannen, ohne daß sie wagte, dieselben abzutrocknen.

Am Abend war sie ausgegangen, um etwas zu besorgen. Da begegnete ihr die Nachbarin Freidanks, welche dessen kleines Mädchen auf dem Arme trug. Das Kind schrie schon von weitem laut nach Marie, und diese konnte nicht anders, als dasselbe an sich nehmen. Fest preßte sie sein Köpfchen an ihre Brust, streichelte ihm die Wangen, und hörte nur mit halbem Ohr auf das, was das Weib redete.

»Er wird doch bald wieder heiraten müssen, schon wegen dem Würmchen da. Was soll denn aus dem Kinde werden ohne eine Mutter?« sprach die Frau und dabei sah sie Marie so eigentümlich von der Seite an, daß diese fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Beinahe mit hastiger Geberde setzte sie die Kleine auf die Erde nieder und wollte mit raschem Gruße sich entfernen, als wie aus dem Boden auftauchend, aus dem Schatten eines nahen Baumes Freidank trat.