»Ich dächte, wir hörten den Pfarrer predigen. Gottes Wort kann uns nichts schaden, und ich denke, der alte Herr wird nichts Unrechtes reden. Du, Peter, bist überhaupt an nichts mehr gebunden, und Hans und ich wollen es schon mit unserem katholischen Gewissen ausmachen, wenn wir einmal ein evangelisches Gotteshaus besuchen. 's ist bei mir überdies nicht das erste Mal.«
So gingen sie mit einander. Niemals noch hatte Frohwalt eine protestantische Kirche betreten, und darum wohl ergriff ihn eine seltsame Befangenheit. Aber bald schwand dieselbe vor der würdigen Einfachheit, welche hier herrschte. Der einzige, schlichte Altar, nur mit einem schönen Kreuzbilde geziert, zu dessen Seiten zwischen frischen Blütenzweigen die Kerzen brannten, die weißgetünchten Wände, hell beschienen von der durch die hohen Fenster einfallenden Sonne, die Emporen mit dem alten, gefälligen Schnitzwerke, die hölzerne Kanzel, auf welche von der Kirche aus die Treppe emporführte, und das kleine Orgelchor mit den blinkenden Pfeifenreihen … das alles stimmte so ruhig und drängte, da der Blick nicht abgelenkt wurde durch überflüssigen Schmuck, zahlreiche Bildwerke und Statuen, zu innerer Sammlung.
Die Orgel setzte ein, und der gemeinsame Gesang der zahlreich Versammelten erklang weihevoll wie ein Beten. Die Worte des alten Liedes von Paul Gerhardt: »Befiehl Du Deine Wege« muteten Frohwalt seltsam an; es war, als ob der alte evangelische Dichter sie just für ihn verfaßt hätte, und es drängte ihn, bei der dritten Strophe selbst mit einzustimmen, so daß das Auge Vetter Martins ihn ganz verwundert streifte.
Mit Aufmerksamkeit folgte er der Liturgie, mit noch größerer aber der Predigt des alten Pfarrers. Die Worte klangen so herzlich und ungesucht, sie paßten sich dem Verständnis und Empfindungsleben der schlichten Zuhörer völlig an, und sie wurden mit einer so natürlichen Wärme gesprochen, daß Frohwalt sich am Ende derselben tief ergriffen fühlte. Ja, das war eine evangelische Predigt … und er hätte ihr tausende von katholischen Zuhörern gewünscht. Da war nichts gesagt worden, was er nicht auch empfand, und was er von seinem Standpunkte aus nicht auch hätte sagen dürfen.
An die Predigt schloß sich der Beichtgottesdienst, und wie in einem frommen Banne hörte er das allgemeine Sündenbekenntnis und die Absolutionsworte des greisen, würdigen Mannes, er hörte mit andächtigem Staunen die nun folgende Liturgie des Abendmahls, die alles Wesentliche enthielt wie die katholische Messe, ja genau mit denselben Worten, nur daß sie schlicht und schön in der Muttersprache erklangen, allen verständlich und allen erbaulich. Dann schritten sie langsam heran an den Altar, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen und empfingen Brot und Wein, ehrfürchtig sich verneigend, und mit dem schönen, dreifachen Segen des Priesters schloß der Gottesdienst.
Das kleine Kirchlein war schon leer geworden, als Frohwalt erst mit seinen zwei Begleitern es verließ. Vor dem Thore stand er still und faßte die Hand Martins, der ihn schweigend beobachtet hatte und sagte:
»Das ist ein wahrer Gottesdienst! Gemahnt es nicht an die ältesten Zeiten der Kirche, da man nichts wußte von Prunk und Glanz der Aeußerlichkeiten, und da die Christen still und schön ihr schlichtes Liebesmahl gemeinsam genossen? Solche weihevolle Andacht habe ich niemals empfunden, als in dieser evangelischen Dorfkirche!«
Er konnte es sich nicht versagen, das auch dem alten Pfarrer gegenüber auszusprechen, der ruhig und freundlich erwiderte:
»Sie sind nicht der erste Katholik, welcher diese Empfindung hat; bei manchem ist sie freilich bedingt durch den Reiz des Neuen, bei Ihnen, glaube ich, ist sie tiefer, weil Sie mit Ernst nach dem Wahren suchen. Der liebe Gott erleuchte Sie auf Ihrem Wege!«
Er ging auf ein anderes Gespräch über, und gerade das berührte Frohwalt ungemein wohlthuend.