Und nun ging ihr das kindliche Herz auf, und sie begann von ihren Eltern zu erzählen, und dem stillen Zuhörer ward es dabei wärmer in der Seele. Diese Kindesliebe hatte etwas unendlich Anmutiges und Wohlthuendes, und das Mädchen gewann in seinen Augen ganz besonderen Wert und Reiz.

Von diesem Tage an schloß sich Frohwalt mehr als bisher an den alten Pfarrer an und verkehrte manche Stunde mit ihm in ernsteren Gesprächen. Er selbst lenkte die Rede dabei auf religiöse Fragen, und ihn überraschte die ruhige Klarheit, die edle Milde, mit welcher der Pfarrer solche behandelte. So gewann er einen Einblick in das evangelische Bekenntnis und fühlte sich seltsam davon angezogen. Es lag in demselben ein schöner, gesunder, wahrhaft religiöser Kern, ein tiefbegründetes, sittliches Bewußtsein, ein Ablehnen des äußeren Scheins, eine Verklärung des deutschen Wesens, so daß es ihm jetzt erst verständlich ward, wie die Reformation auf deutschem Boden erwachsen, und wie ein einfacher Sohn des deutschen Volkes sie ins Leben rufen konnte.

Und die Worte, welche er von dem Pfarrer hörte, erhielten ihre schönste Bestätigung in den Verhältnissen in dem Pfarrhause selbst. Hier herrschte ein wundersamer Geist des Friedens und der Menschenliebe, von hier aus ging Trost und Rat in die bedrängten Herzen der Gemeindeglieder, und dabei wetteiferten die weiblichen Glieder der Familie mit dem Oberhaupte. Die Pfarrerin war in jeder Weise des Gatten wert. Sie besaß eine vortreffliche Bildung des Verstandes und des Herzens, und war mit ihrem freundlichen, teilnahmsvollen Wesen wie der gute Geist des Hauses.

Was waren das für herrliche Stunden, welche Frohwalt in diesem Kreise verlebte, zumal des Abends, wenn die Familie enger an einander rückte und jeder gab und empfing, und sich an beidem still erfreute. Da setzte sich wohl die Pfarrerin ans Klavier, und die beiden Töchter sangen, Trudchen mit schöner, sympathischer Sopranstimme und Friederike mit klangvollem Alt, während der Hausherr mit dem Seidenkäppchen auf dem ehrwürdigen Haupte behaglich in seinem Lehnstuhl saß und seine lange Pfeife schmauchte. Dann erzählte Hans Stahl von den ruhmvollen Tagen, die er mit durchgestritten, oder Quandts und Frohwalt ergingen sich in römischen Erinnerungen, bis der Pfarrer zuletzt einen kurzen Abendsegen sprach, der das Haus und alle seine Bewohner dem Schutze Gottes empfahl, dann begab man sich zur Ruhe, und tiefer Friede lag über dem Pfarrhause und dem ganzen freundlichen Dorfe.

Frohwalt lebte hier wie in einem Zauberbann, und manchmal war es ihm, als träume er und müsse das Erwachen fürchten. Besonders fühlte er das, wenn er sich mit Trudchen unterhielt. Er hatte sich bisher, getreu den Vorschriften seines Berufs, wenig um das weibliche Geschlecht gekümmert und kannte von demselben aus näherem Umgang nur Mutter und Schwester. Dann hatte er besondere Wertschätzung für Friederike gewonnen, und da Trudchen der Schwester in jeder Weise ähnlich war, so übertrug er dies Empfinden gleich von vornherein auf sie. Und sie kam ihm mit ungesuchter Herzlichkeit und Natürlichkeit entgegen, als ob er ihr gar kein Fremder wäre, und gab sich in Wort und Wesen mit so heiterer Anmut, daß der Umgang mit ihr für Frohwalt beinahe ein Bedürfnis wurde, und er an jedem Morgen sich zumeist darauf freute, ihr frisches, liebes Gesicht wiederzusehen.

Ueber die Bedeutung solchen Empfindens war er sich selbst nicht klar; um so klarer aber schienen andere sich darüber zu sein, und Quandts, sowie Hans Stahl ließen die beiden, so oft es unverfänglich geschehen konnte, ungestört mit einander verkehren, aber um des Malers Lippen flog ein gutmütig schönes Lächeln in solchen Augenblicken, und den Arm seines Weibchens wärmer an sich ziehend, flüsterte er wohl:

»O rühret, rühret nicht daran!«

So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Der junge Lausitzer, der seinen Arm beinahe mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit in der Binde trug, gedachte in seine Heimat abzureisen, und auch Frohwalt schien es an der Zeit, die Gastfreundschaft des lieben Pfarrhauses nicht länger in Anspruch zu nehmen. Er hatte mehrmals schon davon gesprochen, zu gehen, aber immer wieder gern sich halten lassen.

Da war er eines Vormittags – Friederike und Gertrud hatten daheim zu schaffen, und Quandt malte – mit Stahl allein durch das Dorf gegangen. Als sie an dem stattlichen Gasthofe vorüberkamen, hatte der letztere einen Blick in den Garten desselben geworfen und plötzlich schrie er auf:

»Professor Holbert!«