Dann eilte er durch die Hinterthüre ein. Frohwalt, der ihm beinahe mechanisch folgte, sah jetzt in der That auch den Professor an einem der einfachen Holztische sitzen und neben ihm Therese. In wenigen Augenblicken waren die vier Menschen bei einander und reichten sich herzlich die Hände, und Fragen gingen lebhaft hin und her.

Holbert hatte mit seiner Tochter, um den unerquicklichen Prager Verhältnissen sich auf einige Zeit wenigstens zu entziehen, eine kleine Reise gemacht, die beide meist zu Fuß zurücklegten. So waren sie nach Ehrenberg gekommen und gedachten hier Mittagsrast zu halten. Ihre Freude, Frohwalt und Stahl hier zu finden, war aufrichtig und groß, und besonders angenehm überrascht waren sie über den letzteren, dessen Gesicht in diesem Augenblicke wie von innerer Verklärung aufleuchtete, und den sie herzlich beglückwünschten zu seinen Heldenthaten und seinen ehrenvollen Erfolgen in Krieg und Frieden. Als Therese ihm dabei die Hand reichte, hielt er sie eine Sekunde lang fest, und sah ihr dabei so seltsam in die Augen, daß sie errötend die Blicke senkte.

Um der Freunde willen gedachten Holberts den Nachmittag über hier zu bleiben und gemeinsam mit ihnen einen nahen Berg zu ersteigen, der eine schöne Fernsicht bot. Die Pfarrersfamilie war feinfühlig genug, sich daran nicht zu beteiligen, und so wanderten die vier langsam die bewaldete Höhe hinan, unter leise rauschenden Föhren hin. Frohwalt und der Professor schritten voran, Hans Stahl und Therese folgten.

»Ist Ihnen der im Mai von München aus von Döllinger erlassene Aufruf an die deutschen Katholiken zu Gesicht gekommen?« fragte Holbert seinen Begleiter.

»Nein. Um was handelt es sich darin?«

»Nun, Döllinger betont in Uebereinstimmung mit einer Anzahl gesinnungstüchtiger, gläubiger Männer, daß auf dem Boden der Treue gegen den alten katholischen Glauben eine Erneuerung kirchlicher Zustände durch einträchtige Arbeit von Klerus und Laien herbeigeführt und als letztes Ziel christlicher Entwicklung die Vereinigung der jetzt getrennten christlichen Glaubensgenossenschaften angestrebt werden soll. Wahrlich ein edles und würdiges Programm, bei welchem, wie ich annehmen zu dürfen glaube, wohl auch auf Ihre Mitwirkung zu rechnen ist.«

»Zürnen Sir mir nicht, Herr Professor, wenn ich sagen möchte: ›Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‹ – Ich habe hier reichlich Gelegenheit gehabt, über religiöse und kirchliche Verhältnisse nachzudenken, und darum finde ich zwar die Bestrebungen des Altkatholizismus schön und würdig, aber seine letzten Ziele scheinen mir weder völlig klar, noch vor allem erreichbar.«

»Es kommt nur auf den guten Willen der Beteiligten und auf die allgemeine Unterstützung an.«

»Und gerade an der letzteren wird es, fürchte ich, fehlen, weil man in die Ausführbarkeit des Programms kein volles Vertrauen gewinnt. Eine Umwandlung der kirchlichen Zustände! Sie ist oft versucht worden von Kirchenversammlungen aus, aber umsonst!«

»Weil man stets mit der römischen Kurie als einem besonderen Faktor rechnete, der sich angestrebten Aenderungen verschloß oder gar widersetzte. Für uns Altkatholiken aber ist auch die altkirchliche Verfassung maßgebend, nach welcher alle Bischöfe gleich und gleichberechtigt sind mit dem römischen, der nur der Erste unter Gleichen ist.«