»Sie streben also den Ausbau des bischöflichen Systems an? Aber woher nimmt der Altkatholizismus seine Bischöfe? Wer soll sie weihen? Denn die bloße Ernennung könnte doch nicht genügen, in ihnen die Nachfolger der Apostel zu sehen?«
»Gewiß nicht. Aber wir haben ja bereits eine altkatholische Kirche, die seit dem siebten Jahrhundert in den Niederlanden besteht, und seit Anfang des vorigen Jahrhunderts erneuert wurde, die römisch-katholische Kirche der bischöflichen Klerisei. Sie steht unter dem Erzbischof von Utrecht und den Bischöfen von Deventer und Haarlem, und bestreitet, wie wir, die päpstliche Unfehlbarkeit. Durch ihre Bischöfe wird durch Handauflegung die bischöfliche Weihe rechtmäßig auch auf unsern Oberhirten übertragen werden.«
»Auch das sind Aeußerlichkeiten, denen ich keinen zu hohen Wert beilegen möchte. Der Altkatholizismus hat die Absicht, die alte katholische Kirche wieder herzustellen, und darin liegt nach meinem Ermessen eine Halbheit, die nicht zum Ziele führen kann. Das Hinarbeiten auf ein bloß kirchliches Christentum kann nicht das Letzte und Höchste sein, sondern die religiös-sittliche Ausgestaltung desselben müßte angestrebt werden, zu welcher die auf den Grundlagen des Humanismus sich erhebende Reformation den Anlauf genommen hat. Wir brauchen, möchte ich beinahe sagen, eine Art staatliches Christentum, ein weltlich sittliches Christentum, wodurch das Wesen des Protestantismus sich kennzeichnet im Gegensatz zu dem Katholizismus, der das Wesen des Christentums nur in der kirchlichen Form dargestellt wissen will. Alle Bestrebungen der Zeit im Geiste des wahren Christentums aufzufassen, dasselbe in ihnen fruchtbringend werden zu lassen, das wäre eine Aufgabe für den Altkatholizismus, aber gerade der Erfüllung desselben setzt das Festhalten an kirchlichen Aeußerlichkeiten Schranken.«
»Ich höre das protestantische Pfarrhaus aus Ihnen sprechen, lieber Freund!« sagte lächelnd der Professor.
»Es mag etwas Wahres an dem Worte sein, aber andererseits muß ich betonen, daß ich niemals einen Mann mit milderem Sinne und mit geringerer Absicht, Glaubensgenossen zu gewinnen, kennen gelernt habe, als den alten Pfarrer von Ehrenberg.«
»Aber scheint Ihnen nicht wenigstens das letzte Ziel des Altkatholizismus groß und der Bemühungen der Besten wert? Die wirkliche Wiederherstellung der katholischen Kirche, in der nur ein Hirt und eine Heerde ist, die Wiedervereinigung von allen, die sich Christen nennen, ist das Erhabenste, was sich denken läßt.«
»Gewiß, Herr Professor – aber leider unerreichbar. Ein Zurückgehen auf die allerälteste christliche Zeit, ein Wiedererwecken der altkirchlichen Lehre würde stets auf Widersprüche stoßen und statt der Einigung noch schärferen Zwiespalt erwecken. Wohl weiß ich, daß Döllinger in bester Absicht einen Unterschied machen will zwischen Glaubenssatz und Meinung – aber wer soll feststellen, was als Glaubenssatz zu gelten hat? Als Glaubenssatz für alle Christen? Als Glaubenssatz, der auch einhellig angenommen würde? Aus jedem Glaubenssatz würde ein neuer Zwiespalt erwachsen, wie es bisher stets der Fall gewesen ist.«
Sie waren, indem sie dies Gespräch fortsetzten, auf der freien Höhe angekommen. Unter ihnen lag im Sonnenglanze das schöne blühende Land mit freundlichen kleinen Städtchen und Dörfern, mit dem blinkenden Silberbande eines Flüßchens, umrahmt gegen Süden von einem Kranze höherer Berge und dem Kamme des Gebirges. Einige Augenblicke standen sie schweigend, dann sagte Holbert:
»Ich sehe aus allem, wie es um Sie steht, lieber Freund, und wohin Ihre Ueberzeugung Sie führt. Ich achte Sie darum nicht minder, und ich denke, daß wir die Alten bleiben. Im innersten Wesen stimmen wir doch überein. Sie wie ich streben die sittliche Wiedererneuerung der menschlichen Gesellschaft an. Das ist ein großes und edles Ziel, und der Wege dazu giebt es mannigfache. Uns allen aber leuchtet dazu dieselbe Sonne und es blaut uns derselbe Himmel, und derselbe ewige Vater giebt allen seinen Kindern, die ehrlich der erkannten Wahrheit nachstreben, seinen Segen. Möge er auch uns nicht fehlen!«
Mit wärmstem Drucke fanden sich die Hände der beiden Männer, die schweigend sich dabei in die Augen sahen. Sie wußten, was sie einander geworden waren und bleiben wollten.