»Verzeih' Dir's Gott, Peter, was Du sprichst … das ist doch, als ob ich eine verworfene Dirne wäre! Ich habe Freidank nicht gesucht und bin gegangen, als er kam; der Umgang mit dem Kinde aber kann nichts Schlechtes sein, denn Christus ließ ja auch die Kinder zu sich kommen, weil ihrer das Himmelreich ist.«
Raschen Schrittes ging sie hinaus, um in ihrem Stübchen dem gepreßten Herzen Luft zu schaffen, Peter Frohwalt aber sagte zu seiner Mutter:
»Gieb acht auf sie und hüte sie, Mutter! Ihr Wesen gefällt mir nicht. Sie ist störrig und halsstarrig, und ich fürchte um ihr Seelenheil.«
Die alte Frau suchte den Sohn zu beruhigen und gab ihm die besten Versicherungen ihrer Wachsamkeit, aber Friede und Behagen war aus dem kleinen Hause des Sportelschreibers gewichen, und als die drei Menschen am Abend beisammen saßen, lag es über ihnen wie ein gewitterschwüler Hauch, und nur wenige Worte gingen hin und her.
Am andern Morgen brachte der Postbote einen größeren Brief mit auffallendem Siegel, adressiert an Peter. Er war von dem erzbischöflichen Konsistorium und enthielt seine Ernennung zum Kaplan in Nedamitz. Dabei war bemerkt, daß wegen unheilbarer Erkrankung des bisherigen Inhabers dieser Stelle es wünschenswert erscheine, wenn er dieselbe so bald als möglich antrete.
Diese Mitteilung kam unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht unangenehm, wenngleich der junge Priester, welcher seine theologischen Studien mit Auszeichnung absolviert hatte, heimlich gehofft hatte, daß man ihm in irgend einer Stadt eine Stellung geben, oder ihn gar als Adjunkt an die theologische Fakultät berufen werde. Aber er war nicht unmutig – wohin der Herr ihn rief, dort wollte er gerne wirken. Auch die Mutter hatte vielleicht anderes erwartet, aber sie äußerte sich nicht, sondern beeilte sich nur, alles, was an Wäsche und dergleichen in Ordnung gebracht werden mußte, schnellstens zu besorgen, so daß schon für den übernächsten Tag die Abreise Peters festgesetzt werden konnte.
Dieser machte seine Abschiedsbesuche, vor allem in der Pfarrei, bei einigen bekannten Familien und endlich auch bei dem Vetter Martin. Er empfand ein kleines Unbehagen, als er die stille Berggasse entlang schritt, an deren Ende in einem schlichten, wenig gepflegten Garten das Häuschen des wunderlichen alten Herrn stand. Es hatte nur ein Erdgeschoß, welches eine kleine Küche, ein ebenso kleines Schlafzimmer und außerdem noch drei Räume enthielt, welche mit allerhand Kuriositäten vollgepfropft waren. Als Knabe hatte Peter immer ein heimliches Grauen empfunden, wenn er die wegen der mit wildem Wein dichtumwachsenen Fenster beinahe stets halbdunklen Stuben durchschritt. Die Gerippe von Menschen und Tieren in den Ecken, alte, blutrostige Waffenstücke, Reste aus der Pfahlbautenzeit, verstäubte Schnitzereien, Steine und Muscheln, eine überaus reiche Stöckesammlung deren einzelne Exemplare nach den Ländern benannt waren, auf denen sie als Reisegefährten gedient hatten, und vieles andere mehr fand sich hier beisammen; der Vetter Martin aber saß in seiner »Bibliothek« an einem großen, unbemalten Eichentische, hatte einen alten, blumigen Schlafrock an, eine seidene Mütze mit großem Schirm auf dem etwas struppigen Haare und blies aus einer langen Pfeife behagliche Wolken. Er war eben bei der Sektion eines toten Hamsters, den er Gott weiß wo erwischt haben mochte, denn die Tierchen waren sehr selten in der Gegend, und ließ sich auch gar nicht stören.
»Ih, sieh mal, Peter – welche Ehre! Setz dich nieder, ich bin gleich fertig. Am Hunger ist das Vieh nicht zugrunde gegangen, im Gegenteil, eher an einer Indigestion. Und dabei futtert sich das Biest auch noch die Backentaschen voll, daß es eine Schande ist. Ja, 's giebt unter Mensch und Tier Exemplare, die niemals genug kriegen und anderen nichts gönnen, weder im Leben noch im Tode. Nicht einmal eine Scholle Erde auf dem … Ja so … na, was machst Du denn Gutes?«