Peter erzählte, warum er gekommen sei. Der Alte schob seine Mütze etwas aus der Stirne, sah ihn an und sprach:
»Nedamitz! Das Nest kenne ich nicht, obwohl ich ein gut Stück Heimat und Fremde gesehen habe, aber so viel ich weiß, liegt's bei ***, an der Sprachgrenze. Wirst noch tschechisch lernen müssen, fürcht' ich, aber ich hoffe auch, daß Du das Deutsche drüber nicht vergißt. Unsere deutschen Priester können überhaupt von den tschechischen Amtsgenossen lernen, daß sie unbeschadet ihrer Pflichten auch ihrem Volke in Liebe zur Muttersprache und zur Väterart ein Beispiel geben sollen. Na, der Anfang ist gut, um den Ehrgeiz im Zaum zu halten und zuletzt kannst Du gerade in Nedamitz recht viel Gutes stiften. Dazu giebt's auch im kleinsten Neste Gelegenheit, denn nicht, wo man schafft, sondern wie man schafft, darauf kommt's an … Aber da halte ich Dir eine Predigt, das ist ja die umgekehrte Welt!«
»Wer Deine Erfahrungen hinter sich hat, Vetter Martin, darf auch einmal Unsereinem eine Predigt halten!«
»Das freut mich, wenn Du das einsiehst! Das Leben bleibt die beste Hochschule, das hab' ich erfahren, und das schleift einem Manches ab, wovon sich die Schulweisheit nichts träumen läßt. Grau ist alle Theorie, sagt der große Dichter, und grün des Lebens goldner Baum. Und das Leben lehrt einem vor allem eines: Toleranz! Wer die Menschen gesehen hat in allen Ländern und überall Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte, der weiß, daß es verschiedene Wege geben kann, die alle zum Himmel führen, aber dem thut auch jede Engherzigkeit weh, besonders, wenn sie einer übt, den man lieb hat. Du verstehst mich, Peter!«
»Ich weiß – Du meinst die Sache mit Freidanks Weib.«
»Meine ich. Und der Mann will Protestant werden, weil er der größern Liebe nachgeht. Da soll einer den Stein auf ihn werfen, wenn er nicht selber ein Pharisäer ist. Erst greifen sie ihm ans Herz und zerpressen es ihm mit kalter Härte und mit frostiger Satzung, wovon der Himmel nichts weiß, und dann soll der Mann sie dafür lieben und die Hand ihnen küssen. Ihr verdammt ihn – ich hätte mich gewundert, wenn's anders gekommen wäre. Nur wer Liebe säet, wird Liebe ernten.«
Peter saß wie auf glühenden Kohlen. Der alte Mann vor ihm, der, während er redete, ruhig an dem Hamster herumschnitt, war von seinen Kindestagen an ihm eine Respektsperson gewesen, die er gleich neben seinen Vater stellte, und im Grunde wußte er gegen seine Bemerkung auch nichts zu sagen, als daß die Kirche ihm sein Verhalten vorschreibe.
»Es giebt ein höheres Gesetz, als das Deiner Kirche, welches nur für einen Teil der Menschen gilt – ein Gesetz, das für alle vorhanden ist, die über die Erde hingehen, das ist das Gesetz der allgemeinen Bruderliebe. Sieh, ich habe in Schweden totkrank gelegen, und bin als wildfremder Mensch und als Katholik dazu in einem protestantischen Pfarrhaus gepflegt worden, Wochen lang, und kein Mensch hat mich nach meinem Glauben gefragt, und wenn ich gestorben wär', so hätten sie mich – das glaub' ich felsenfest – nicht im Winkel ihres Friedhofs eingescharrt. So, jetzt bin ich fertig mit dem da« – er schob den kleinen Kadaver, den er entbalgt hatte, beiseite – »und will nach meinen Rosen sehen.«
Er erhob sich, und Peter mit ihm. Diesem war die Kehle wie zugeschnürt; er hätte manches sagen mögen, aber es kam ihm dem alten, braven Manne gegenüber so leer und haltlos vor, daß er unmutig beinahe an sich selber irre ward. So ging er an seiner Seite durch das nächste Zimmer, in dessen Ecke nahe beim Fenster ein weißes Gerippe stand. Vetter Martin blieb einen Augenblick davor stehen und sagte humoristisch:
»Na, was meinst Du wohl, ob der einmal katholisch oder evangelisch war?«