Nach etwa zwei Stunden hielt der Wagen kurze Rast in Burgdorf. Das war die kleine evangelische Gemeinde mitten zwischen der katholischen Bevölkerung, die durch Gott weiß welchen Anlaß hieher verweht worden war. Eine schmucke Kirche mit weißen Mauern und einem zierlichen Türmchen, dessen vergoldetes Kreuz im Sonnenschein blinkte, stand auf einer kleinen Anhöhe, unfern davon das schlichte Pfarrhaus, von Holzfachwerk errichtet, mit spiegelnden Fenstern. An diesem fuhr der Wagen vorüber. Im Gärtchen vor dem Hause stand der junge Pastor, und an seinem Arme lehnte blühend und frisch sein Weib, schmuck und einfach, und sie sahen zwischen den Rosenbüschen hin nach dem vorüberrollenden Wagen. Zwei Kinder spielten jauchzend vor ihnen im Sande.

Peter Frohwalt wurde von seltsamen Empfindungen erfaßt, aber er wußte sich selbst nicht volle Rechenschaft darüber zu geben. Das Familienbild war von so friedlicher Anmut und atmete so sehr den Duft stiller, glücklicher Häuslichkeit, daß darüber der Unmut gegen den Ketzer zurücktrat und ein wehmütiger Neid beinahe die Oberhand gewann. Er wollte das Gefühl abschütteln, sobald das Dorf hinter ihm lag, aber unwillkürlich wandte er sich von einer kleinen Anhöhe aus nochmals zurück. Der ganze Ort war so sauber und freundlich, ja er sah geradezu wohlhabend darein, und tiefblauer Himmel lag über den grünen Gärten und den roten Dächern, gerade so wie über dem katholischen Lande … unser Herrgott machte keinen Unterschied!

Beinahe hätte ihn die Wahrnehmung verstimmt, doch er besann sich, daß geschrieben steht, daß Gott seine Sonne scheinen läßt über Gerechte und Ungerechte. Aber seine Gedanken wollte er doch ablenken, und so faßte er in die Tasche, in welche er noch zu guter Letzt das von Vetter Martin erhaltene Buch gesteckt hatte. Er schlug es auf und fand als Anhang zu dem »Laienbrevier« noch eine Anzahl später wohl beigebundener Scheferscher Gedichte; er las:

Nimm alle auf, schließ keinen aus. So thut
Der Gott; drum ist er's; und so thust Du göttlich.
Wer sich und seine Sache einzig will
Zu starrer Herrschaft bringen, gegen den
Erhebt sich jeder Mensch von freier Seele,
Und ihn, den Unduldsamen, duldet Keiner.
Der stützt nicht seine Macht, wer andre ausschließt,
Der wird unmöglich in dem Menschenschwarm …

Gern hätte er das Büchlein weggeworfen, aber die einfache Sprache, der edle Gedankenausdruck fesselte ihn.

Den nehmen alle an, wer alle aufnimmt.
Wer alle aufnimmt, der erweitert sich
Das Herz zum Himmel; und wer alle einschließt
In sein Gemüt, sein Glück und seinen Glauben,
Der ist der wahre Mensch, der redliche,
Der große …

Peter Frohwalt versank in Nachdenken und kümmerte sich nicht mehr um die Landschaftsbilder, die an ihm vorüberzogen. Was wollte er selbst denn sein? – Ein wahrer, redlicher Mensch, und der Weg zu diesem Ziele sollte eine Toleranz sein, die den Satzungen seiner Kirche nicht völlig entsprach! Es begann in seiner Seele sich ein Zwiespalt zu regen, und er war froh, als der Wagen in der Stadt ankam, von wo aus ihn das Dampfroß weiter tragen sollte.

Gegen Abend langte er in seinem Bestimmungsorte an. Von der letzten Bahnstation hatte er eine gute halbe Stunde zu gehen, aber das Marschieren that ihm wohl, nachdem er so lange in dem heißen Waggon gesessen hatte. Langsam schritt er durch die reifenden Felder, bis er das Dorf Nedamitz vor sich liegen hatte. Es war ziemlich groß, die Kirche lag am letzten Ende und ringsum dehnte sich ein welliges Hügelland aus, auf welchem da und dort ein grüner Hopfengarten sich zeigte. Die Gegend war ziemlich einförmig.

Bei einem rotgestrichenen Holzkreuz standen zwei Kinder, Mädchen, mit Feldblumensträußchen in den Händen; sie knixten und sagten wie mit einer Stimme:

»Pochválen bud' Pán Ježiš Kristus!«[1]