Viertes Kapitel.

Der Aufenthalt im Nedamitzer Pfarrhause ward für Frohwalt eine Schule der Prüfung und der Selbstverleugnung. Immer mehr erkannte er, daß der Pfarrer ein schwacher Mann und ganz in den Händen der Köchin war, welche hier völlig wie eine Hausfrau schaltete. Der Kaplan, welcher von vornherein ihr Wohlwollen verscherzt hatte, kam dabei nicht besonders gut weg. Seine Zimmer wurden nur mangelhaft in Ordnung gebracht, sein Frühstück erhielt er meist kalt und in dürftigster Weise, und selbst mittags war es vorgekommen, daß für den Pfarrer etwas Besonderes gekocht war, während er sich mit den aufgewärmten Resten der vorigen Mahlzeit begnügen mußte.

Frohwalt nahm alles ruhig hin; er sah manchmal den hilflosen, entschuldigenden Blick des Pfarrers, und das genügte ihm. Dabei war er in seinem Amte unermüdlich und nahm, soweit es anging, dem alten Herrn die mühevollen Arbeiten gern ab; dafür hatte er wenigstens die Genugthuung, daß ihm die Leute überall mit Achtung begegneten, was ihm dem Pfarrer gegenüber nicht immer der Fall zu sein schien, und daß die Kinder der Gemeinde geradezu mit Liebe an ihm hingen. Seine Erholung waren Spaziergänge in der Umgebung, seine Freude seine Privatstudien.

So war der Sommer hingegangen, und herbstlich wehte es über die Stoppeln und durch die Obstgärten. Die Zeit, da man überall Kirchweihfeste feierte, war gekommen, und Peter hatte bei einem derselben die Festpredigt zu halten. Es war in demselben Orte, aus welchem Barbara stammte und wo sie noch Verwandte hatte. Der Pfarrer des Kirchweihdorfes hatte seinen Wagen geschickt, um den Kaplan abzuholen, und die Köchin hatte es für ganz selbstverständlich angesehen, daß sie mit ihm fahren könne. Im größten Putze war sie darum herbeigekommen, um ohne weiteres ihren Platz einzunehmen, aber Peter erklärte, soviel er wisse, sei der Wagen für den Festprediger geschickt worden, und ihm wäre es lieb, ihn allein benützen zu können. Barbara glühte vor Zorn über die nach ihrer Meinung ihr angethane Schmach, sie lärmte im Hofe der Pfarrei, so daß Peter dem Kutscher befahl, schleunigst fortzufahren, und es wenigstens nicht mit anzusehen brauchte, wie der verlegene alte Pfarrer alles aufbot, um sie zu besänftigen und ihr zuletzt – da er selbst über Pferde nicht verfügte, – einen Wagen von einem Bauern verschaffte, in welchem sie auch zur Kirchweih fuhr.

Der alte Herr blieb gegen seine sonstige Gewohnheit zurück, da er mit seinem Amtsbruder in Obernitz, wo das Fest stattfand, nicht in besonders freundlichen Beziehungen stand; der Mann war ihm zu rigoros.

Für Peter war es ein wirklicher Feiertag gewesen; er hatte mit der ganzen Wärme seines Herzens gepredigt, dann hatte der Gottesdienst in würdiger Weise stattgefunden, unterstützt von einem trefflichen Kirchenchor, und der Mittag war im Kreise älterer und jüngerer Amtsbrüder, Dank dem feinen Takte des Gastgebers und dessen ungesuchter Liebenswürdigkeit, lebendig und anregend zugleich gewesen, so daß Frohwalt, der zur Rückkehr den Wagen abgelehnt hatte, mit einem unverkennbaren Behagen dem zwei Stunden entfernten Nedamitz wieder zuwanderte. Auf dem Dorfplatze bei der Kirche, wo einige Verkaufs- und Schaubuden aufgestellt waren, hatte er auch Barbara gesehen, aber sie hatte ihm, sobald sie ihn erblickte, den Rücken zugewendet.

Als er in seinem Kirchdorfe anlangte, war es Abend geworden, und leichte Dämmerung hüllte schon das Pfarrgehöft ein, als er dasselbe betrat. Im Zimmer des Pfarrers brannte die Lampe, und da er demselben Grüße zu bestellen hatte, auch dieser vielleicht mit dem Abendbrote auf ihn wartete, so ging er, ohne sich umzukleiden, dahin. Als er die Thür öffnete, erschrak er. Auf dem Tisch stand der bekannte Zinnkrug neben der Lampe, auf dem Boden davor, mit dem Rücken gegen das Sopha gelehnt, lag der Pfarrer, und sein Gesicht schien bei dem zweifelhaften Lichtschimmer bläulichrot. Er röchelte laut und unheimlich, und dem Kaplan war's nicht zweifelhaft, daß hier ein Schlaganfall vorliege. Hier that schnelle Hilfe not.

Er eilte darum hinaus, den Knecht zu suchen, damit dieser ihm helfe, den schwerkranken Mann zu Bette zu bringen und einen Arzt herbeihole. Er flog die Treppen hinab nach dem Hofe. Der zottige, braune Hund blinzelte nach ihm und wedelte mit dem Schweife, im Stalle klirrte ein Rind an seiner Kette; er aber eilte nach der Kammer des Knechts, die in einem kleinen Wirtschaftsgebäude neben dem Stalle sich zu ebener Erde befand. Hastig riß er die Thür auf und rief, indem er in den halbdunklen Raum blickte, den Burschen beim Namen. Zwei erschrockene Menschen fuhren auseinander, und ein Weib, das ohne Mieder, nur im Unterrock und Hemd sich hier befand, suchte sich in einem dunkeln Winkel zu verbergen; es war zweifellos die junge Magd.