In der Stube angelangt und unter vier Augen hörte der Mann beinahe verwundert, weshalb der junge Priester gekommen war. Er ließ ihn reden, und Frohwalt wußte nicht, ob die Röte, die jenem ins Gesicht stieg, Scham oder Unmut bedeute. Er sprach mit warmer Herzlichkeit, aber auch nicht ohne eine gewisse Strenge, und gerade die schlug bei dem heißblütigen Manne und angesichts der Jugend des Kaplans dem Fasse den Boden aus.
»So?« – polterte er. – »Was sagen Sie mir da von Unrecht und Sünde? Potz Element, da kehren Sie doch erst einmal in der Pfarrei aus. Herr Kaplan, Sie sind zu jung hier am Orte und darum kann ich Ihnen nicht allzu sehr übelnehmen, wenn Sie am verkehrten Ende anfangen. Der Herr Pfarrer ist jetzt auch etwas älter geworden, aber vor zwanzig und zehn Jahren noch ist's wunderlich hergegangen im Pfarrhof, und wir haben's ihm im Dorfe gar nicht übel genommen, er ist eben auch ein Mensch, und die Barbara war hübsch –.«
Frohwalt war bleich geworden bis in die Lippen und lehnte sich tiefatmend in seinen Sitz zurück, ihn traf jedes Wort wie ein Keulenschlag, und die Hände wie zur Abwehr vorgestreckt, stammelte er: »Das kann ja nicht sein – das ist …«
»Eine Lüge, wollen Sie sagen, Hochwürden?« fragte der andere, ohne jeden Hohn und völlig ruhig – »na, da wissen Sie auch nicht, was hier jeder weiß, daß ein Sohn von ihm in der Welt herumläuft, ein verkommener Bursche, der ihm viel Sorgen macht und den er gar nicht einmal verleugnet! Da giebt's nichts zu lügen und nichts zu verheimlichen, und darum ist's besser, man rührt an solchen Sachen nicht. Und ich hätt's auch nicht gethan, wenn Sie mir nicht so gekommen wären, aber wie man in den Wald schreit, so hallt's heraus …«
Der Kaplan vermochte nicht mehr zu sprechen; er ließ den Wortschwall des anderen über sich ergehen, ihm war die Kehle wie zugeschnürt. Zusammengebeugt, elend an Körper und Gemüt, verließ er das Haus, das er mit solcher sittlichen Entrüstung betreten hatte, und die schöne Magd sah ihm lächelnd von der Schwelle aus nach.
Seit jener Stunde fühlte er sich unglücklich in Nedamitz. Anfangs hatte er daran gedacht, selbst dem Pfarrer einen Vorhalt zu machen, aber das gab er auf, was hätte es auch nützen sollen! Er empfand mit dem alten, schwachen Manne Verachtung und Mitleid zugleich und suchte sich einigermaßen damit zu beruhigen, daß er sich an die Züge von Herzensgüte hielt, die versöhnlich neben seine Schwächen traten. Die Köchin jedoch haßte er, und mit ihr sprach er nur, was unbedingt nötig war; Barbara aber vergalt ihm diese feindliche Stimmung mit Gleichem und ließ ihn, wo es nur anging, empfinden, daß sie in diesem Hause das Heft in der Hand habe.
So kam der Winter. An den langen Abenden saß Frohwalt in seiner Stube und arbeitete. Er hatte eine größere kirchenrechtliche Abhandlung unter der Feder, die er zu veröffentlichen gedachte, und bei dieser Thätigkeit fand er Freude und Ruhe. Seine Pflichten erfüllte er dabei mit größter Pünktlichkeit und nahm nach wie vor das Beschwerlichste dem Pfarrer ab, der ihn mit unverkennbarer Zuneigung und zugleich mit einem fast scheuen Respekt behandelte.
Es war Weihnachten erschienen, das Fest der Freude. Der junge Kaplan hatte wenig von der letzteren gemerkt. Mutter und Schwester hatten ihn mit kleinen Geschenken bedacht, und die hatte er am heiligen Abend vor sich hingelegt, als er bei einsam brennender Lampe an dem vor den Ofen gerückten Tische saß. Kein Christbaum, kein Freund – zum ersten Male wurde ihm in diesen Stunden wehmutsvoll zu Sinne. Er sah hinaus auf die Dorfgasse, aus den kleinen Fenstern der Häuschen fiel der Lichtschein und ihm war's, als höre er durch die Stille der Nacht das Jauchzen fröhlicher Kinderstimmen. O, die Entsagung war nicht immer leicht, das Sichselbst und sein Empfinden besiegen hart. Da fiel ihm das kleine Buch von Vetter Martin in die Hand, das Laienbrevier, und wie er es aufschlug, las er:
– – Du gewinne Augenblicke!
Denn hast Du jeden Augenblick besiegt,
Hast Du das ganze Leben Dir gewonnen!
Das ganze Leben Dir geschmückt! Dir leicht
Die ungeheure Last der Zeit gemacht!
So trägt ein Kind den Baum in Spänen fort!
Das Leben ist nicht schwer dem Immer-Guten.
Allein dem selten oder oft nur Guten
Verwirrt es sich, wie dem verschlafenen Weber!
Das Leben ist so leicht dem Immer-Guten!