Und während der Pfarrer und die Köchin noch sich stumm und befremdet anblickten, ging der junge Priester mit dem verdutzt dreinschauenden Boten hinaus. Er eilte, nachdem er diesen zum Meßner geschickt hatte, seine Klerik anzuziehen, und bald darauf schritt er zum zweiten Male durch Schnee und Wind gegen Květau, diesmal mit beschleunigtem Fuße, sodaß er in einer halben Stunde dort anlangte. Er fand, noch im Wirtshause, wo der böse Streit stattgefunden, einen Sterbenden, um welchen sich der herbeigerufene Arzt vergebens bemühte, und dem er nur die letzte Oelung zu reichen vermochte.

Der Anblick des blutbefleckten, regungs- und bewußtlosen Menschen hatte ihn tief erschüttert, mehr noch aber die Erzählung des Wirtes, nach welcher er selbst die unschuldige Veranlassung der furchtbaren That geworden war. Er hatte am Ende der Messe drei deutsche Vaterunser gebetet – der Pfarrer hatte immer noch eins oder zwei in tschechischer Sprache eingefügt; – da hatte der Jiři im Wirtshause, wo sich die Bauern nach dem Gottesdienste zusammenfanden, sich darüber lustig gemacht, und so lange auf die Deutschen gestichelt, bis der Streit anhob, in welchem er selber zuerst das Messer gezogen hatte; ein Deutscher hatte es ihm entwunden, und als der trotzige Bursche mit diesem rang, glitt er aus und fiel in die noch immer offene Schneide.

Der Heimweg nach Nedamitz war für Frohwalt fürchterlich. Ihm lag es auf der Seele, daß er sich, noch dazu in Gegenwart des fremden Boten, im Pfarrhause von seinem Zorn hatte überwältigen lassen – er hätte ja auch schweigend fortgehen können, noch entsetzlicher aber war ihm dies letzte grauenhafte Erlebnis. Er ging, einem Automaten gleich, dahin, und seine Füße waren ihm schwer.

Als er im Pfarrhause ankam, schien der Pfarrer bereits auf ihn zu warten. Er war in Verlegenheit und in Sorge zugleich. Die Drohung des Kaplans mit dem Konsistorium war ihm nicht gleichgültig, da er wußte, daß er manches auf dem Kerbholz hatte. Darum suchte er Barbaras Ungehörigkeit zu entschuldigen, und bat ihn, die Sache nicht so ernst zu nehmen; er habe der Köchin ins Gewissen geredet, und Aehnliches werde ganz gewiß nicht wieder vorkommen. Frohwalt hörte nur mit halbem Ohre hin; er sprach einige beruhigende Worte, denn der alte Herr, der in den Händen des Weibes war, that ihm leid, und dieser ging zuletzt gedrückt und verstimmt fort.

Zum Abendbrot kam der Kaplan nicht, sodaß die Sache selbst der Köchin unbehaglich ward; er betete lange, aber er fand keine rechte Ruhe. Immer sah er das bleiche, verzerrte Gesicht des erstochenen Burschen vor sich, und erst spät begab er sich zu Bette. Doch fand er lange keinen Schlaf. Er hörte das Heulen des Windes um das Haus, dazwischen ab und zu das Schlagen der Uhr vom Kirchturme, und wälzte sich fieberheiß von einer Seite nach der andern. Die Last seines Amtes lag zum erstenmale mit erdrückender Wucht auf ihm, und er hatte keine Menschenseele, in die er etwas davon hätte legen und der er hätte klagen können.

Gegen Morgen war er entschlummert, und mit dem grauenden Wintertage stand er wieder auf und ging nach der Kirche zur Messe. Dann war er aufs neue daheim in seiner Stube – einsam, bange und trüb. Was war das für ein Weihnachtsfest! Hatte denn der Himmel für ihn keinen Tropfen Freude?

Um die Mittagszeit stand er am Fenster, das nach der Dorfgasse hinsah und schaute hinaus. Heute lag es wie eine blaue Glocke über der Welt, und der Sonnenschein blitzte auf dem weißen Schnee. Kleine Mädchen rollten ihn zusammen zu Klumpen, um sie zu einem ungefügen Manne zusammenzusetzen, und neckende Knaben warfen sie dabei mit den weißen, weichen Bällen. Und sie jauchzten und lachten, daß es dem jungen Priester wunderlich in der Seele widerhallte. Das gab ihm einige Heiterkeit wieder, aber es sollte noch besser werden.

Da kam am Ende der Gasse, soweit er sie überschauen konnte, ein Mann her mit einer Pelzmütze auf dem eckigen Kopfe, um den die grauen Haare flatterten, einen wunderlichen langen Mantel umgehangen, einen Ranzen auf dem Rücken und in der Faust den derben Knotenstock. Das war der Vetter Martin, wie er leibte und lebte.

In Frohwalts Gesicht stieg die Röte der Freude; er riß das Fenster auf, und rief einen lauten Gruß hinaus, so daß die liebe Jugend erstaunt empor sah, der alte Wanderer aber riß die Mardermütze vom Kopfe und schwenkte sie lustig. Bald darauf stampfte er herein in die Pfarrei.

»Na, komm ich recht? – Hab' mir Dein Nest einmal zur Winterszeit ansehen wollen, da paßt mir's am besten! Gesegnete Feiertage!«