»Ach, Vetter Martin, Dich schickt der Himmel! Keinen Menschen könnt' ich just so gut brauchen, als Dich!«

»Na, siehst Du wohl – mein Ahnungsvermögen! Ja, so ein alter Naturforscher hat eine höllisch feine Nase. Drückt Dich's irgendwo? Herunter damit, wir wollen schon fertig werden zusammen.«

Und da saß der Alte am Ofen und streckte seine Beine weit von sich, und hatte sich seine kurze Thonpfeife angebrannt, und Peter Frohwalt erzählte ihm nun alles, alles: Vom Leben in der Pfarrei, von der Köchin Barbara, von den faulen Zuständen in Haus und Gemeinde und von dem gestrigen Morde in Květau und es that ihm wohl, sich endlich einmal entlasten zu können.

Vetter Martin hatte ihm schweigend, manchmal mit leisem Kopfschütteln zugehört, und sagte nun:

»Ja, mein lieber Peter, ich hab's Dir's ja vorausgesagt, daß Dich das Leben erst noch abschleifen werde, und das thut allemal ein wenig weh. Dein alter Pfarrer, Deine liebe Barbara, der muntere Wirt, der verliebte Jakob und wer sonst noch sind die Wetzsteine für Dich und zeigen Dir zugleich, daß unser Herrgott sehr wunderliche Kostgänger hat, und daß man nicht alles mit Gesetzen und allgemeinen Regeln abthun kann. Der liebe Gott füttert und erhält sie alle in gleicher Weise und thut jedem ein wenig Liebe an, und zuletzt bringt er alles in den richtigen Topf. Mach's ebenso! Deinen Pfarrer und seine Köchin will ich mir erst näher besehen und dann Dir meine Meinung sagen, auch den untern Wirt möcht' ich kennen lernen und sein »Aergernis«. Was aber die Květauer Geschichte betrifft, so weiß ich nicht, warum Du Dich gar so erregst; traurig ist sie, aber auf Deine Rechnung kann sie nicht kommen. Du hast Deine Vaterunser gebetet, wie deine gute Mutter es Dich gelehrt hat und in ihrer Sprache, weil Du eine andere nicht verstehst. – Das ist doch keine Schuld und keine Sünde, das ist doch gerade so, wie wenn sich die Bengels darüber totstechen wollten, weil Du Dich zufällig nicht in ein Schnupftuch mit den tschechischen Nationalfarben geschnäuzt hast. Thu', was Du in Deinem Gewissen für gut und recht hältst und fürs übrige laß unsern Herrgott sorgen! Basta – das ist die ganze Moral und die gilt für Christen, Juden, Türken und Kalmücken!«

Die Thüre öffnete sich und der Kopf des Pfarrers zeigte sich; er hatte laut sprechen hören, und war, von Neugier geplagt, gekommen, angeblich, um den Kaplan zu Tische abzuholen. Frohwalt stellte ihm seinen Gast vor, und der alte Herr lud mit liebenswürdigem Eifer denselben ein, am Mittagsmahle teilzunehmen. Vetter Martin ließ sich nicht drängen, und so gingen die Drei nach dem Speisezimmer und der Pfarrer erteilte der Köchin den Auftrag, noch für ein Gedeck zu sorgen.

Das Weib zeigte sich zur Verwunderung des Kaplans ganz besonders freundlich und höflich, und die Mahlzeit verlief, zumal der Gast mit seinen reichen Erfahrungen und seinem köstlichen Humor den Löwenanteil an der Unterhaltung nahm, in sehr angenehmer Weise. Auch der Pfarrer hatte sich dabei von einer so vorteilhaften Seite gezeigt, wie ihn Frohwalt noch gar nicht kannte. Er wurde lebhaft und sogar witzig, harmlos, heiter und liebenswürdig gesellig, und Vetter Martin mußte versprechen, im Pfarrhofe über Nacht zu bleiben und wenigstens noch einen Tag hier zuzubringen. Der Pfarrer hatte früher sich mit Botanik beschäftigt, später fehlte ihm ein anregender Genosse und er hatte die Sache liegen lassen, aber er wollte seine wohlverwahrten Pflanzensammlungen auskramen und Martin sollte ihm einiges bestimmen helfen.

Als dieser nach Tische mit Peter allein zusammen war, sagte er:

»Sieh' mal, Dein Pfarrer ist ein Mensch, der viel besser verbraucht werden könnte, als es geschieht. Er ist einfach hier – wie man sagt – versauert, und weil er keinen besseren Umgang fand, in die Hand der Jungfrau Barbara gefallen. Er hat ein gutes, menschenfreundliches Herz, und daran mußt Du Dich halten, das söhnt mit Manchem aus; seine Schwächen mußt Du in Kauf nehmen, er ist zu alt, um sie noch abzulegen. Deiner lieben Barbara aber mußt Du die Zähne zeigen, ordentlich … dann wird sie zahm. Mich behandelt sie wie ein rohes Ei, und es war mir, als ob sie auch Dich ein- ums andere Mal achtungsvoll angesehen hätte … da siehst Du, wie's gut thut, wenn man zu Zeiten einmal aufmuckt! Thue recht und scheue niemand, nicht einmal eine Pfarrköchin! Also mein Lieber, die Leute nicht nach der allgemeinen Regel und nach dem Kirchenrecht behandelt, sondern nach der Art, wie sie verbraucht werden müssen! Wenn Du erst soweit gekommen bist, dann stehst Du auf freier Höhe, von der aus Du den rechten Segen bringen kannst!«

Am Abend saß der wunderliche Gast wieder mit den beiden Priestern zusammen, und es wurde ziemlich spät, ehe man zur Ruhe kam. Seltsamer Weise hatte der Pfarrer an diesem Abend viel weniger getrunken als sonst, nicht bloß, weil er sich vor dem Fremden scheute, sondern weil er dazu kaum die Zeit fand. Er hatte seine getrockneten Pflanzen gebracht, und ging wie in alten, schönen Tagen, wieder in der Botanik auf; er wollte von neuem anfangen zu sammeln, und Martin versprach, ihn auch aus der Ferne zu unterstützen.