Frohwalt hatte an diesem Abend mehr als je den Eindruck, daß er von Vetter Martin noch Vieles lernen könne, namentlich im Umgang mit Menschen. Und er sollte noch mehr in dieser Hinsicht erleben. Der seltsame, sonst so unruhige Gast ließ sich sogar noch zwei Tage in der winterlichen, stillen Dorfpfarre festhalten und wohnte auch dem Begräbnis des in Květau erstochenen Burschen bei, das der Pfarrer abhielt, und bei welchem zahlreiche Gendarmerie anwesend war, weil man von der Erregung der Tschechen Unannehmlichkeiten und Störungen fürchtete. Aber die Sache ging ziemlich ruhig ab.

Als die beiden Männer nach Nedamitz zurückgekehrt waren, fanden sie im Pfarrhause den untern Wirt, welcher auf den Pfarrer wartete und bei diesem das kirchliche Aufgebot mit seiner Magd bestellte. Martin war dabei zugegen, und der Mann reichte ihm, nachdem er mit dem Pfarrer gesprochen, treuherzig die Hand und sagte:

»Na, ist's so recht, Herr Martin?«

»Ja, mein lieber Herr Polzner, – ich freue mich sehr drüber!« erwiderte dieser, und das Gesicht des Wirtes strahlte vergnüglich, als er fortging und so heiter wie selten in seinem Leben durch die Dorfgasse schritt.

Peter Frohwalt war angenehm überrascht und erfreut über diese Kunde, und Vetter Martin, der sie ihm zuerst hinterbracht hatte, lächelte dabei so seltsam, daß er diesen verwundert und fragend anschaute.

»Nun ja, mein lieber Peter, ich bin gestern im untern Wirtshause gewesen, habe ein Glas Bier getrunken und mich dabei mit dem Wirte, den ich allein traf, unterhalten. Er schien mir ein ganz vernünftiger und zugänglicher Mann zu sein, und da habe ich denn nach meiner Weise ihn gefaßt. Mit der Thür ins Haus fallen darf man dabei nicht, von Aergernis in der Gemeinde reden und dergleichen ist hier ganz ungeschickt, man muß immer wieder sehen, aus welchem Holze der Mensch geschnitzt ist, und wo er eine weichere Stelle hat. So sagte ich ihm: ›Sie haben ja eine prächtige, stattliche Wirtin, hübsch, jung, flink – 's ist wohl Ihre zweite Frau?‹ – Er wurde ein bißchen verlegen, dann druckste er so langsam mit der Wahrheit heraus. ›I, sehen Sie mal – aber eine schönere, passendere Frau könnten Sie doch nicht finden, der Himmel schickt Ihnen ja förmlich das Glück ins Haus – sonst schnappt's ein anderer weg, greifen Sie zu! – Na, und wissen Sie, 's ist auch wegen dem Mädel selber, das nur einmal seinen guten Ruf hat, und wenn die Leute Ihnen nichts ins Gesicht sagen, hinterm Rücken reden sie doch, und das arme Frauenzimmer kommt dabei am schlimmsten weg. Ich thät' die Lästermäuler stopfen – Sie sind der reiche untere Wirt, Sie brauchen sich um niemanden zu kümmern – und Sie sollen sehen, was Sie erst gelten, wenn Sie den Trumpf ausspielen.‹ So ungefähr habe ich ihm zugeredet, und dabei haben wir wie zwei Brüder am Tische gesessen und miteinander getrunken und dies und das gesagt, bis er mit einem Male seine Hand auf meine legte und sprach: ›Sie sind ein vernünftiger Herr – Sie haben recht – und dann, man soll meine Johanne nicht mit der Pfarr-Barbara in einem Atem nennen – ich bestelle morgen mein Aufgebot!‹ Und heute ist er dagewesen. Siehst Du, mein lieber Peter, daß es auch ohne Kirchenrecht manchmal geht!« –

Als Vetter Martin am andern Morgen seinen Ranzen aufschnallte und seinen »Schweizer« ergriff, hatte der Pfarrer Thränen im Auge; ihm war's, als zöge ein lieber Verwandter fort, ein Mensch, der ihn verstanden hatte, wie seit langem keiner.

Peter Frohwalt begleitete den Wanderer noch ein gut Stück Wegs, und als er endlich auch mit kräftigem Handdruck von ihm schied, kehrte er mit seltsam gehobener Stimmung in das Dorf zurück.

Es war, als ob ein guter Geist durch das Pfarrhaus gegangen wäre; der Pfarrer war heiterer und voll Interesse für manches, was ihn vordem gleichgültig gelassen; er begann wieder eifrig mit botanischen Studien, und als das Frühjahr die ersten Gräser und Blumen brachte, begann er wieder zu sammeln und zu ordnen, und dabei kam er viel seltener zu dem vorigen übermäßigen Trinken; Frohwalt selbst war nachsichtiger in seinem Wesen, verständiger in Behandlung der Menschen und ruhiger geworden, und selbst bei Barbara schien entweder der Besuch Martins, oder das entschiedene Auftreten des Kaplans zu Weihnachten gewirkt zu haben, denn sie behandelte den letzteren höflich, ja mitunter sogar freundlich.

Und gerade, als die Verhältnisse sich zu bessern anfingen, erhielt Peter Frohwalt den Ruf in einen andern Wirkungskreis. Er hatte die Abhandlung, an welcher er im Herbst bereits geschrieben, veröffentlicht, und hatte die Freude gehabt, daß namhafte Gelehrte, so besonders der Professor des Kirchenrechts an der Prager Hochschule, Dr. Holbert, sich ungemein anerkennend darüber ausgesprochen hatten. Das hatte wohl die Aufmerksamkeit seiner geistlichen Vorgesetzten auf ihn gelenkt; man erinnerte sich außerdem, daß er seine sämtlichen theologischen Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte, und so bekam er eines Tags ein Schreiben, das seine Ernennung zum Adjunkten an dem Priesterseminar in Prag enthielt: die erste Staffel zur theologischen Professur, oder auch zum Kanonikat.