Fünftes Kapitel.
Der Uhrmacher Freidank war thatsächlich zum protestantischen Bekenntnis übergetreten. Die Sache hatte sich in aller Stille vollzogen, und selbst in der kleinen Stadt, wo es nicht allzuviel Gesprächsstoff gab, wurde nicht lange darüber geredet. Das Ereignis schien sogar für Freidank günstige Folgen zu haben. Man hatte ein gewisses Interesse für ihn gewonnen, und die Zahl seiner Kunden mehrte sich, trotzdem der heißblütige junge Kaplan in seinen Kreisen gegen ihn eiferte. Ja selbst die gehässige Weise, in welcher dies geschah, blieb nicht ohne Folgen. Zwei Familien, in welchen die Gatten verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehörten, traten, um solchen Vorkommnissen, wie sie beim Tode von Freidanks Frau sich abgespielt hatten, von vornherein die Spitze abzubrechen, ebenfalls zum Protestantismus über, und diese Uebertritte vollzogen sich in aller Stille in dem kleinen Kirchlein von Burgdorf.
Marie Frohwalt aber lebte Wochen lang mit sich selber in herbem Zwiespalt. Es zog sie hin zu dem verwaisten Kinde der Freundin, und doch fürchtete sie einerseits den Bruder, der von etwaigen Besuchen erfahren konnte, und dann hatte sie doch eine mädchenhafte Scheu, die sie abhielt, das von diesem bereits angedeutete Gerede der Leute herauszufordern.
Zuletzt überwog die Liebe zu der kleinen Grethel, und Marie suchte die Nachbarin Becker auf, und spielte auf deren Stube mit dem Kinde. Dem Vater derselben wich sie sorgfältig aus, wenigstens konnte niemand sagen, daß er sie allein mit ihm im Gespräche gesehen hätte. Freidank selbst war ihr gegenüber zurückhaltend, beinahe ängstlich und einsilbig; er verstand wohl, was in der Seele des Mädchens vorging und wußte, daß er ihren Ruf zu schonen hatte.
Im Juli fiel der Namenstag seines verstorbenen Weibes, den er immer durch eine freundliche Gabe gefeiert hatte. Diesmal konnte er ihr nichts bringen, als eine Handvoll Rosen aus seinem Gärtchen von demselben Strauche, den sie selbst bald nach ihrer Hochzeit gepflanzt hatte. Am Morgen betrat er den Friedhof und ging, sein kleines Mädchen an der Hand, nach dem abgelegenen Grabe an der Mauer. Das weiche Gras machte seinen Schritt unhörbar, und so vernahm ihn auch die jugendliche Frauengestalt nicht, die ihm den Rücken zuwendete und über das schlichte Holzkreuz geneigt an dem wohlgepflegten Hügel stand. Erst als er grüßte, sah sie beinahe erschrocken empor. Es war Marie, die einen kleinen Kranz von Feldblumen – wie die Verstorbene sie besonders geliebt hatte – auf dem Grabe niedergelegt hatte. Freundlich lugten die blauen Kornblumen aus dem grünen Grase.
»Sie haben doch auch d'ran gedacht – das ist hübsch von Ihnen, Fräulein Marie,« sagte der Mann, während das Kind schon nach den Händen der »guten Tante« gehascht hatte und sich daran hing.
»Vor einem Jahre hat sie noch gelebt!« antwortete fast verlegen das blonde, hübsche Mädchen.
»Ja, aber zwei Tage später lag sie, und sollte nicht wieder aufstehen. O dies Einsamsein ist schrecklich, und das Kind muß auch darunter leiden. Die Frau Becker meint's ja gut, aber sie hat selber keine Kinder gehabt und weiß nicht mit solchen umzugehen. Ich bin manchmal so trostlos, so elend – ach, Sie glauben's gar nicht, Fräulein Marie. Ja, wenn Sie einmal mit Grethel wieder geredet und gespielt haben, da lebt das Kind auf, und ich mit ihm … aber es kommt selten. Ich weiß ja, daß es nicht anders sein kann, die Welt hat eine zu böse Zunge, und ich kann mir's denken, daß Sie auch jetzt wieder auf Kohlen stehen, wenn uns jemand hier zusammen sähe, und doch ist's uns beiden hier ein geheiligter Boden. Nun, Gott dank's Ihnen, daß Sie heute an meine Grethe gedacht haben – ich will Sie aber nicht aufhalten – –«