Marie konnte sich aus ihrer Verlegenheit nicht herausfinden. Sie sprach endlich stockend:

»Ja, Sie wissen's ja, Herr Freidank, wie lieb mir Ihr Grethel ist, und wie ich mich immer freue, wenn ich das Kind sehe – nicht wahr, kleine Maus?« wandte sie sich an das Mädchen, das sich mit ganzer Zärtlichkeit an sie schmiegte und mit den kleinen Aermchen ihren Leib umschlang.

»Adieu, Grethel!«

Sie beugte sich, noch immer verlegen und ängstlich, nieder, küßte das Kind, und dann reichte sie dem Manne die Hand:

»Leben Sie wohl, Herr Freidank – Sie wissen ja, wie ich's meine!«

Er nickte stumm, und wie sie nun rasch zwischen den Kreuzen hinschritt, hinüber nach dem Grabe ihres Vaters, schaute er der schlanken Gestalt noch einmal nach, dann hob er seine Kleine empor und drückte sie fest an sein Herz.

Etwa drei Wochen später ging Marie gegen Abend durch die Berggasse. Da kam der Vetter Martin ihr entgegen. Er war erst vor kurzem wiedergekommen von einer seiner Reisen und mußte wegen eines Fußübels unfreiwillig Rast halten in der Heimat. Er ging langsamer als sonst, und stützte sich schwer auf seinen derben Stock. Seine Miene, die sonst immer ungetrübt war, drückte heute eine gewisse Besorgnis aus und er rief dem Mädchen zu:

»Soeben sagt mir der Doktor Winkler, daß Grethel Freidank Diphtheritis habe, ein böser Fall!«

Marie fühlte, wie ihr das Blut aus den Wangen lief und wie ihr beinahe der Herzschlag stockte.

»Na, was ist Dir denn Mädel, Du wirst ja so weiß wie Dein Sacktuch« – sprach der Alte und humpelte hastig heran.