Marie that einen tiefen Atemzug, dann sagte sie mit gesenktem Blick und unsicherer Stimme:
»Glaubst Du, Vetter Martin, daß ich hingehen und das Kind pflegen kann die Nacht hindurch?«
»Na, warum denn nicht? – Ja so! Der Mann ist ein junger Witwer, und die Leute wären dumm genug, selbst bei Angst und Sorge noch die ungewaschenen Mäuler dazwischen zu hängen. Na, weißt Du, wir gehen mit einander. Ich denke, da hat's keine Gefahr, und ich wollt' auch niemandem raten, den Schnabel weiter aufzuthun, als er verantworten kann. Ich könnte zwar allein auch die Sache versorgen, aber eine Frauenhand ist bei so einem kleinen Wurm allemal besser, und dann hängt das Kind auch an Dir. Freidank wird den Kopf schon halb verloren haben, und die alte Becker'n ist ein Schaf – also hier hilft's nicht: Wir thun's um Gottes Lohn. Jetzt gehen wir erst einmal zu Deiner Mutter, damit sie Bescheid weiß und nicht erst unnötige Redensarten macht, und dann wollen wir mal zusehen, ob wir mit vereinten Kräften das kleine Mädel wieder gesund kriegen.«
So gingen sie beide erst nach dem alten Burgthor zu und, obgleich Frau Frohwalt eine bedenkliche Miene machte und einige bescheidene Einwände versuchte, Vetter Martin hatte heute seinen Tag, an dem er keinen Spaß verstand, und da konnte er sehr unangenehm von der Leber weg reden. Es that auch Eile not.
Als sie zu Freidank kamen, schien dieser aufzuatmen. Ihm war's, als ob jetzt die Hilfe für sein kleines Mädchen kommen müßte, und aus tiefster Verzweiflung ging er zur Hoffnungsfreudigkeit über.
Es war eine böse Nacht. Das fieberheiße, geängstigte Kind, das bald in unruhigen Schlummer fiel, bald wie in Atemnot aufschreckte, hielt fast unablässig die Hand der lieben Pflegerin in seinen glühenden Händchen, und wenn es die furchtbare Angst überkam, dann schlang es derselben wohl auch die zuckenden Aermchen um den Hals und suchte mit heiserer Stimme ein Kosewort zu flüstern.
Vetter Martin war sich völlig im Klaren, daß er hier nicht mehr war, als der Ehrenwächter, aber er bewunderte still die Hingabe und das Geschick Mariens, und es war ihm außer Zweifel, daß das Kind sich von keinem Menschen – auch von seinem Vater nicht – diese Einspritzungen und Einpinselungen, diese Umschläge und Packungen hätte mit solcher Geduld machen lassen wie von dem Mädchen, auf dessen Auge kein Wehen des Schlummers kam, das unverwandt die kleine Kranke beobachtete und mit peinlichster Sorgfalt alle Vorschriften des Arztes beobachtete.
Gegen Morgen war der Schlummer der Kleinen ruhiger, und Vetter Martin nötigte Marie, jetzt wenigstens auch einige Stunden nach Hause zu gehen und zu schlafen; sie ging erst, nachdem er ihr heilig versichert hatte, daß er bei der geringsten Verschlimmerung sie augenblicklich wieder holen lassen wolle.
Der Arzt fand das Kind viel besser, wenngleich noch nicht außer Gefahr, und noch eine zweite Nacht saßen die Pfleger, der unruhige Vater, der grauhaarige Vetter Martin und das vom Nachtwachen bleiche Mädchen an dem kleinen Lager. Mit erneuter Heftigkeit schien die Krankheit in dieser zweiten Nacht loszubrechen – es war die Entscheidung, aber als der Morgen in die Fenster leuchtete, begann die heiße Röte aus dem Antlitz des Kindes zu weichen, und seine Atemzüge wurden ruhiger. Unter solchen Anzeichen ließ Marie sich leichter bereden, heimzugehen, zumal sie selber nach der Aufregung der letzten Stunden das Gefühl einer tiefen Abspannung hatte. Noch einmal beugte sie mit ihrem bleichen Gesichte sich über die schlafende Kleine und lauschte auf ihren Atem, dann gab sie den beiden Männern die Hand, welche Freidank in tiefer Bewegung küßte.
Das Kind genas in der That und zwar rascher, als selbst der Arzt gehofft hatte, der diesen Erfolg unverhohlen der unendlichen Sorge der treuen Pflegerin zuschrieb. Schon nach etwa acht Tagen konnte die Kleine, zumal das Wetter wundersam schön war, ins Freie gebracht werden, und langsam ging sie an der Hand des Vaters durch die Gasse. Alle Nachbarn und Bekannten bekundeten eine freundliche Teilnahme und sahen dem Paare nach, das seine Schritte nach dem alten Thore hinlenkte, in dessen Nähe das Häuschen des Sportelschreibers stand.