Das Mädchen war errötet und hatte das Kind auf die Erde gestellt, das sie aber nicht losließ, gleich als wüßte es, um was es sich handle; die alte Frau am Tische jedoch hatte erschrocken und wie abwehrend beide Hände nach dem Manne ausgestreckt, der mit bleichen Wangen und erwartenden Augen auf seinem Stuhle saß; sie rief:

»Um Gotteswillen, Herr Freidank – wohin denken Sie – das kann ja nicht sein!«

Eine scheinbar unendlich lange Pause trat ein. Es war still, auch das Kind regte sich nicht, und man hörte nur die tiefen Atemzüge des Mädchens am Fenster; endlich sagte Freidank:ä

»Ach Gott, ich weiß ja, was Sie meinen – der hochwürdige Herr! Sollte er aber denn nicht auch glauben, daß er das Glück zweier Menschen – ich meine mich und meine Kleine – in der Hand hat, und daß es schön sein müßte, das Glück nicht zu zertreten? Ich bin doch kein schlechter Mann und was ich gethan habe, mußte ich eben thun. Ach, wenn ich nur besser zu reden verstände! Sehen Sie, Fräulein Marie, eine so heiße, glühende Liebe, die alles vergißt, was in der Vergangenheit liegt, kann ich Ihnen nicht entgegenbringen und meiner seligen Grethe wird immer ein Stück meines Herzens gehören. Aber ich habe gemeint, Sie werden das verstehen und begreifen, denn Sie haben sie ja auch lieb gehabt. Und unser aller Liebe kommt zuletzt in dem Kinde zusammen. Ihm gönne ich vor allem Ihre Liebe, und wenn Sie für mich nur ein wenig Zuneigung hätten, ich wär' schon zufrieden und glücklich, wenn Grethel Sie zur Mutter hätte. Ich will heute keine Antwort, ich bin ja mit der Thüre ins Haus gefallen. Ueberlegen Sie sich das drei Tage, acht Tage oder noch länger, und seien Sie nicht böse, daß ich geredet habe. Aber es mußte jetzt sein, wo ich gesehen habe, wie Ihnen mein Kind ans Herz gewachsen ist.«

»Ja, ja, sie ist mir ans Herz gewachsen!« sagte Marie, welche wieder die Kleine an sich gezogen hatte, die nun ihre Wangen streichelte und küßte, als ob sie die Worte ihres Vaters unterstützen wollte.

»Gut, Herr Freidank, lassen Sie mir Zeit … das kommt mir zu rasch – –«

»Aber Marie, wozu denn Bedenkzeit? Das kann ja nicht sein!« wiederholte beinahe angstvoll die alte Frau. »Erst müssen wir an Peter schreiben!«

»Ach seien Sie nicht hart, Frau Frohwalt,« bat der Mann, »und lassen Sie Ihrer Tochter wenigstens den freien Willen – ich habe ja noch keinem Menschen Böses gethan, warum wollen Sie mir Böses thun?«

»Das will ich ja nicht, Herr Freidank, ich will nur keinen Zwiespalt in meinem Hause, unter meinen Kindern!«