»Steht Dir zu Diensten, soweit der Vorrat irgend reicht! Setze Dich!«

Er schob ihr einen alten Polstersitz zu und nun saßen sie in dem kühlen, dämmerigen Gemache einander gegenüber und Marie erzählte von dem, was sich vor kurzem begeben hatte. Als sie zu Ende war, sagte der Alte:

»Na, ich bin schon manches gewesen in meinem Leben – Heiratsvermittler noch nicht; versuchen wir's auch damit! Meinen Rat und meine Hilfe! Mein Rat ist der: Nimm ihn, wenn Dich Dein Herz dazu drängt! Ich halte ihn für brav und tüchtig, und das bist Du auch, und wenn zwei solche Menschen sich finden, kann's nur zum Segen sein. Das denkt – glaube ich – Deine Mutter auch, aber sie traut sich's nicht zu sagen, weil er jetzt evangelisch ist. Und das ist's wohl, wo Du meine Hilfe brauchst, denn um die ist Dir's doch mehr zu thun, als um meinen Rat.«

Das Mädchen nickte errötend mit dem Kopfe.

»Also, mit Deinem Herzen bist Du im Klaren, und Du hast nur Angst vor dem hochwürdigen Herrn Bruder. Daß dem die Sache gegen den Strich geht, ist mir auch klar; aber hier giebt's nur eins, was notwendig ist: Mut und Festigkeit. Auch Dein Herz hat sein gutes Recht, und das mußt Du verteidigen. Auf mich kannst Du rechnen: Ich will den Stier bei den Hörnern packen, schriftlich oder mündlich, denn ich vermute fast, daß die Nachricht Peter hierher treiben wird, und das wäre mir wenigstens lieber: Ich schreibe nicht gerne. Es wäre traurig, wenn die Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses Euch aus einander bringen sollte, und wenn ich hier dem religiösen Uebereifer die Spitze abbrechen kann, so weiß ich doch, warum mir unser Herrgott die linke Hinterpfote gerade jetzt lahm gemacht hat.«

Marie dankte mit überströmenden Augen: »Ach Pathe Martin, es ist mir ja besonders um das Kind. Heiraten muß Freidank, und wenn Grethel eine Mutter bekäme, die sie nicht lieb hätte, eine rechte Stiefmutter – das könnt' ich nicht ertragen.«

»Zu der Hacke wird sich schon der Stiel finden lassen, behalte nur ruhig Blut und denke: Ehen werden im Himmel geschlossen, und wenn's unser Herrgott so bestimmt hat, kommt ihr zusammen, auch wenn der Herr Pater Peter seinen Segen nicht dazu giebt.«

Ruhig, beinahe freudig und glücklich, verließ das Mädchen das kleine Haus in der Berggasse und kehrte nach Hause zurück, wo sie die Mutter mit dem Briefe an Peter beschäftigt fand.

Schon zwei Tage später gegen Abend traf dieser in dem Heimatstädtchen ein; er kam aus Prag, wo er seit einigen Wochen in seiner neuen Stellung weilte. Als er eigentlich unerwartet in die Stube trat, schraken Mutter und Schwester auf und begrüßten ihn mit verlegener Herzlichkeit. Er selbst war von vornherein ernst, und sobald er es sich einigermaßen bequem gemacht hatte, ging er auch geraden Wegs auf sein Ziel los. Er sei bestürzt gewesen über die Mitteilung, welche ihm die Mutter gemacht hätte, und hoffe, nicht zu spät zu kommen, um eine Verlobung seiner Schwester mit einem Ketzer, einem Abtrünnigen, hintanzuhalten.

Die alte Frau war ängstlich und befangen; sie liebte ihre beiden Kinder; freilich hatte Peter bei ihr ein höheres Ansehen.