Er küßte sie auf die Stirn, und in dem Zimmer war es tiefstille. Finster blickend lehnte Peter an dem Tische, und neben ihm stand die Mutter noch immer mit gefalteten Händen. Vetter Martin aber führte Marie langsam hinaus.

Am andern Morgen in aller Frühe verließ der junge Priester seine Vaterstadt, ohne seine Schwester noch einmal gesehen zu haben, die hinter dem Fenstervorhang in ihrem kleinen Stübchen versteckt dem Postwagen nachschaute, der ihren Bruder entführte. Sie weinte bitterlich.

Gegen Abend traf Peter Frohwalt auf dem Bahnhofe ein. Er war tief verstimmt und sein Kopf schmerzte ihn; er hatte das Gefühl des Unbehagens und der Unzufriedenheit und mußte sich immer wiederholen, daß er seiner Pflicht gemäß gehandelt habe. Langsam ging er durch die belebten Straßen der böhmischen Hauptstadt, sah den breiten, menschenvollen »Graben« entlang und schritt durch den Pulverturm hinein in die Zeltnergasse und nach dem Altstädter Ringe.

Nahe an der Moldau, unmittelbar bei dem Kloster der Kreuzherren mit dem roten Stern und angesichts des Turmes, der das Portal zu der alten, stattlichen Karlsbrücke bildet, steht die St. Klemenskirche und mit ihr in Verbindung ist ein weitausgedehnter, mehrere Höfe umfassender Bau, der den Jesuiten seine Entstehung verdankt. Ein Teil derselben enthielt die Hörsäle der theologischen und der philosophischen Fakultät der Prager Hochschule, die damals noch ausschließlich deutsch war, der nach der Moldau zugekehrte Teil umfaßt das erzbischöfliche Priesterseminar.

Hier war Peter Frohwalt als Adjunkt der theologischen Fakultät und als Aufseher über die Alumnen daheim. Er läutete an der Pforte; der Pförtner öffnete und grüßte ergeben, und der Priester ging langsam, beinahe müden Schrittes durch die gelbgetünchten Korridore, in denen eine feuchte, kühle Luft herrschte, hin. Einzelne »Seminaristen« mit der schwarzen Klerik und der violetten Binde um den Leib begegneten ihm und grüßten – im ganzen aber war es fast unheimlich still in dem weitläufigen Gebäude.

Er betrat sein Zimmer, das einfach, aber freundlich möbliert war und ließ sich verstimmt und ermüdet auf einem Sopha nieder. Es war noch Zeit bis zu dem gemeinsamen Abendessen, und er nahm ein Buch zur Hand, um den Druck, der ihm auf Kopf und Herzen zugleich lastete, wenigstens auf einige Zeit zu vergessen.

Da pochte es. Auf sein »Ave!« trat ein Alumnus herein, ein hübscher, etwas bleicher Jüngling, mit kurzgeschorenen, dunklen Haaren. Es war ein junger Landsmann Peters, dem dieser schon manche Freundlichkeit erwiesen und der sich gewöhnt hatte, sobald es not that, bei ihm Rat und Trost zu suchen.

»Was bringen Sie mir denn, Vogel?« fragte der Adjunkt – »Sie sehen ja so aufgeregt aus!«

Der Alumnus war noch ein wenig näher getreten und sagte nun mit unsicherer Stimme:

»Verzeihen Sie, Hochwürden, wenn ich Sie belästige, aber es drängt mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich hier im Seminar nicht bleiben kann. Sie wissen, daß ich mich gerne dem geistlichen Stand gewidmet habe und bereit war, manches Schwere auf mich zu nehmen, aber hier wird es unerträglich!«