Peter Frohwalt war aufgestanden und legte dem Jüngling die Hände auf die Schultern, indes er ihm freundlich in das gerötete Gesicht schaute.
»Was giebt's denn? – Setzen Sie sich und erzählen Sie!«
Vogel folgte der Aufforderung und sprach, indem er sich bemühte ruhig zu werden:
»Die Tschechen machen uns Deutschen hier das Leben zu sauer und kränken uns durch Rücksichtslosigkeiten und Ungezogenheiten, wo es nur angeht. Ich sitze bei den Mahlzeiten an einem Tisch mit lauter solchen, und obwohl sie wissen, daß ich kein Wort Tschechisch verstehe, reden sie absichtlich nur in dieser Sprache, und sehen mich dabei immer so höhnisch und herausfordernd an, daß ich wie verkauft und verraten bin. Will ich sprechen, so sagen sie: nerozumime[4] und lachen mir ins Gesicht. Wenn in ihrer Zeitung, der »Politik«, irgend ein boshafter Ausfall gegen die Deutschen geschrieben steht, finde ich ihn gewiß in der Studierstube auf meinem Platz liegen, und wo man mir einen Schabernack, selbst der gemeinsten Art, anthun kann, geschieht es. Dabei habe ich keinem etwas in den Weg gelegt, und den anderen Deutschen geht es nicht besser. Einer und der andere hat sich wohl auch schon beschwert, aber denen ist gesagt worden, sie sollten nur ganz ruhig sein, sie wären wohl selber auch nicht ohne Schuld! Das macht Verbitterung unter den deutschen Alumnen. Wenn man erst hier in Prag vier Jahre lang alle Quälereien tschechischen Uebermuts ertragen und dann die ärmlichsten Kaplanstellen in kleinen Gebirgsdörfern übernehmen soll, während die besseren und angenehmeren Stellen selbst in deutschen Orten den Tschechen gegeben werden, dann verliert man die Freude an seinem Berufe. Wo bleibt denn da die christliche Liebe? Den Tschechen geht Huß über Jesus Christus und mancher hat das Bild des Ketzers in seinem Gebetbuche. Mir widerstrebt es, Namen zu nennen, denn ich will nicht denunzieren, aber ich möchte nicht, daß Sie mich verurteilen, wenn ich meinen Austritt anmelde.«
[4] Wir verstehen nicht.
Der Adjunkt hatte den Jüngling ausreden lassen; er wußte, daß derselbe nichts übertrieb; er war ja selbst Alumnus in diesem Hause gewesen und hatte manche ähnliche Erfahrung gemacht. Nun sprach er:
»Mein lieber Vogel! Ich denke, das mit dem Austritt überlegen Sie sich doch noch. Ich werde dafür sorgen, daß Sie an einen anderen Tisch kommen und werde ein Auge haben auf die nationalen Heißsporne. Fassen Sie die Sache auf als eine Uebung in der Geduld, welche Ihnen der Himmel schickt, der Sie damit zur Selbstüberwindung erziehen will, welche der schönste und größte Sieg ist.«
»Ach Gott, Hochwürden – Geduld habe ich schon, und habe sie lange bewiesen, aber die Unduldsamkeit der andern ist zu groß, und die brüderliche Liebe, mit welcher einer den andern ertragen soll, fehlt bei ihnen ganz. Und Unduldsamkeit und Lieblosigkeit ist doch das Schlimmste, und, wenn ich mir denke, daß daraus Priester werden sollen, dann thut mir's in der Seele weh.«
Peter wurde es bei diesen Worten seltsam zu Sinne. Wohl sprach der Alumnus von Unduldsamkeit und Lieblosigkeit zunächst im nationalen Sinne, aber ihm klang doch wie ein Vorwurf für ihn selbst durch und er fühlte sich mit einmal befangen. Er suchte nach beruhigenden tröstenden Worten für den Jüngling und war froh, als derselbe, wenigstens einigermaßen besänftigt und mit dem Versprechen, noch weiter aushalten zu wollen, ging.
Nun setzte er sich aufs neue auf das Sopha und lehnte sich sinnend in die Ecke. Die tiefe Verstimmung, mit welcher er aus der Heimat zurückgekommen, schien sich noch zu steigern. Er sah überall Haß bei den Dienern der Kirche, Kampf, Fehde und Lieblosigkeit, und der Vetter Martin erschien ihm den berufenen Vertretern Gottes auf Erden gegenüber als ein wahrhaft frommer Mann, der mit aller Welt den Frieden suchte und überall die Liebe hintrug und die Versöhnung.