Verstimmt ging er zum Abendbrot. Er hatte die Aufsicht in dem Speisesaal und schritt langsam zwischen den Tischen hin. Bei jenem, an welchem Vogel saß, blieb er stehen, und redete mit den tschechischen Alumnen hier in freundlicher Weise. Ehe er weiter ging aber fragte er mit gewinnender Sanftmut und Milde, ob es nicht anginge, daß während des Essens deutsch gesprochen werde, damit auch Vogel am Gespräch teilnehmen könne. Die Seminaristen senkten die Köpfe, einige sahen ihn beinahe spöttisch an, und da er weiterschritt, hörte er, wie man tschechisch hinter ihm drein redete: Der Fanatismus war größer als die Liebe!

Am nächsten Mittag hatte er Vogel einen anderen Platz verschafft. – Die Sommerferien, während welcher sich die meisten der Alumnen in ihre Heimat begaben, so daß es in den Räumen des Seminars noch stiller, wie gewöhnlich war, hatte Peter in Prag zugebracht. Er hatte die ihm gegönnte Muße zu wissenschaftlichen Arbeiten benützt und bereitete sich zur Erlangung des theologischen Doktorgrades vor. Nach acht stillen Wochen kehrten die Seminaristen zurück, und das frisch pulsierende Leben brachte wenigstens vorübergehend einen neuen Reiz. Auch Vogel war gekommen und hatte Grüße von Peters Mutter und Schwester, welche dieser mit einem einfachen Danke! entgegennahm.

Das neue Semester an der Hochschule begann, und der junge Adjunkt hatte die Freude, für einen beurlaubten Professor eintreten und Vorträge aus dem Kirchenrecht halten zu können; dadurch stieg er bei den Alumnen im Ansehen, und selbst die Tschechen begegneten ihm jetzt höflicher und bescheidener als zuvor.

Es war an einem Samstag Nachmittag. Die Seminaristen befanden sich zum Teil in einem der Höfe und verkehrten hier gruppenweise. Auf einer Bank in der Ecke unter einem der wenigen Sträuche saßen drei junge Leute neben einander. Der eine war Vogel, der andere hatte das Ordenskleid der Kapuziner, die braune, härene Kutte mit dem weißen Strick um die Lenden gegürtet, und der Dritte, ganz in Schwarz gekleidet, trug eigentlich gar kein geistliches Abzeichen, obgleich auch er Student der katholischen Theologie war. Er war aus dem auf der Kleinseite gelegenen Wendischen Seminar, in welchem zumeist aus der sächsischen Lausitz stammende Angehörige der Bautzener Diözese Aufnahme fanden. Er hieß Stahl und war ein hübscher Mensch mit frischen Wangen und feurigen dunklen Augen, dem das gelockte Haar gar keinen geistlichen Anstrich gab. Der junge Kapuziner, Frater Severin, war eine Art Heimatgenosse Vogels; er stammte aus einem Dorfe in der Nähe der kleinen Stadt, in der auch Peter daheim war, und hatte den Alumnus schon manchmal besucht; Stahl hatte sich an diesen angeschlossen, weil er im theologischen Hörsaal zufällig neben ihn zu sitzen kam, und weil er ein Deutscher war.

Severin spielte mit den Fingern an den Knoten seines Gürtels und sagte mit einem tiefen Atemholen:

»Heute in drei Wochen habe ich meine Profeß, dann bin ich für immer an die braune Kutte gebunden!«

»Es paßt Ihnen wohl nicht ganz recht?« fragte Stahl.

»Wie man's nimmt. Einerseits ist's gut, wenn man sich dem Orden für alle Zeit verpflichtet und endgültig weiß, wie man in seinem Leben dran ist; andererseits aber faßt einen doch ein bängliches Gefühl. So lange man noch denken kann, daß man es jeden Tag in der Hand hat, das Ordenskleid abzulegen, lebt man so in den Tag hinein, aber wenn das entscheidende Gelübde abgelegt ist, und es kein Zurück mehr giebt, fürchte ich, daß das Wort: ›Das Ordensleben ist der schwerste Kriegsdienst,‹ erst zur vollen Wahrheit wird.«

»Du hast aber doch freiwillig Deinen Stand gewählt, Severin,« bemerkte Vogel.

»So ganz und gar nicht. Meine Eltern sind arme Leute, und ich habe mich auf dem Gymnasium jammervoll durchschlagen müssen, sodaß ich froh war, als ich sechs Klassen hinter mir hatte und nun den ersten besten Ausweg ergreifen konnte, ein Kapuziner oder Franziskaner zu werden. Das Klösterchen in Deiner Vaterstadt hat etwas so Trauliches und Idyllisches, daß ich als Junge mir gar nichts anderes gewünscht hatte, als einmal drin zu wohnen, und mit einem langen Barte ehrwürdig in dem schönen Garten desselben spazieren gehen zu können. Na, und meine Mutter war ja glücklich darüber, daß ich die braune Kutte nahm, und sie wäre sehr unglücklich, wenn ich sie ablegte; ich darf schon der alten Frau nicht die Freude verderben.«