»'s ist bald wie bei mir,« brummte Stahl und wippte lebhaft mit seinem Fuße auf dem Boden, ein Beweis, wie ihn das Gespräch erregte. »Halb zog sie ihn, halb sank er hin, da war's um ihn geschehen – die »sie« ist nämlich meine Stiefmutter. Mein Vater ist sehr fromm erzogen worden, einige Verwandte von mir sind Priester, teilweise in sehr angesehenen Stellungen, und da fand es denn meine liebe Stiefmutter im Interesse ihrer eigenen drei Kinder sehr zweckentsprechend, daß ich Theologe werde, und da mein Vater ihr gegenüber ein schwacher Mann ist, und meine geistlichen Vettern auch noch in die Kohlen bliesen, so bin ich – der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe – hier ins Wendische Seminar gekommen. Lieber wär' ich Maler geworden, und ich glaube, ein wenig Talent hätt' ich dazu. Aber ich durfte keine richtige Anleitung bekommen, damit mich die Kunst nicht auf Irrwege bringe, und so verschmiere ich denn jetzt, ganz meinem Genius folgend, ab und zu ein Stück Leinwand. Vogel, ich denke Sie sind der Glücklichste von uns Dreien?«
»Niemand ist glücklich vor seinem Ende!« sagte halb heiter, halb elegisch der Alumnus, und Stahl bemerkte:
»Das hat wohl der selige Krösus gesagt, oder Solon, na ob der nach seinem Ende glücklich war, darüber sind wohl die Kirchenväter auch nicht einig … aber was gaffen denn die da uns an, als wenn sie dafür bezahlt hätten?«
Die letzte Wendung galt einigen Alumnen, die in die Nähe gekommen waren, und mit unverkennbar spöttischen Gesichtern nach den drei Freunden blickten. Jetzt sagte der eine ganz vernehmlich in deutscher Sprache:
»Das ist die deutsche Dreifaltigkeit!«
»Ach bewahre, die deutsche Einfältigkeit!« sprach der andere und beide lachten. Aber nur einen Augenblick, denn blitzschnell war der heißblütige Stahl vorgesprungen und hatte dem zweiten eine schallende Ohrfeige versetzt. Dieser schrie zornig auf und warf sich gegen den Angreifer, Vogel und Severin traten abwehrend dazwischen, aber schon lockte der Lärm die andern Seminaristen herbei, die im Hofe waren, und ehe noch alle recht wußten, was geschehen war, wurde es schon recht laut. Da stand mit einmal Peter Frohwalt, welcher die Aufsicht hatte, zwischen den Streitenden und deren geballten Fäusten.
»Was giebt's denn?« fragte er.
»Ich habe dem Herrn da eine Maulschelle versetzt, weil er uns Deutsche ohne jede Veranlassung beleidigt hat.«
Die Tschechen schrieen dazwischen, und der Adjunkt hatte zum ersten Male Gelegenheit, seine volle Autorität zu zeigen.
»Es ist auf beiden Seiten gefehlt worden,« sagte er ernst, »und ich werde veranlassen, daß auch beiderseits eine Sühne geleistet werde. Sie, Kubik«, sagte er zu dem Tschechen, »gehen sofort hinauf, das Weitere wird sich finden, und betreffs Ihrer Person, Herr Stahl, werde ich mit dem Herrn Rektor des Wendischen Seminars Rücksprache nehmen!«