Am Abend war er wieder allein in seiner kleinen Zelle, die so eng und einfach war mit dem harten Lager in der Ecke, und die im Winter nicht geheizt wurde. Das war seine Welt! Er sah an sich hinab, auf das braune, härene Gewand und den weißen geknoteten Strick, und zum ersten Male kam ihm dieser vor wie eine Fessel, mit der man ihn gebunden hatte. Die Brust wurde ihm eng, er suchte tiefer zu atmen und vermochte es kaum, so daß er mit einem Rucke das Fenster aufriß und das heiße Gesicht in den kühlenden Abendhauch hinaushielt. Aus dem trüben Regenmorgen war ein freundlicher Tag geworden. Er sah blauen Himmel und hörte von der Straße her das verhallende Geräusch der rollenden Räder, und ein leises Summen, wie es das Leben der großen Stadt verursacht. Das war die Welt, mit der er abgeschlossen hatte für immer, für die er nicht mehr vorhanden war, und die nicht für ihn dasein durfte. Was blieb ihm? – – Sein Brevier, um zu beten, seine wenigen Bücher – es waren meist kirchenhistorische Werke, die er mit Vorliebe studierte – und die Musik.
Daheim in seiner Dorfkirche hatte ihm der Lehrer Unterricht im Orgelspiel gegeben, und er hatte so schnell begriffen, daß er seinen Meister bald erreicht hatte. In Prag hatte er sich noch vervollkommnet, und in seinen Mußestunden war ihm die Orgel der liebste Freund geworden. An ihr saß er manche Stunde, indes irgend ein freundlicher Bruder, wohl auch ein Knabe, der es aus Vergnügen that, die Bälge bearbeitete. Dann klang es durch die kleine freundliche Kirche oft so weihevoll und schön, daß auch einer und der andere der Mönche herbeikam und, in einen Winkel gelehnt, lauschte. Und wegen seines Orgelspiels hatten ihn auch alle ganz besonders lieb.
An dem heutigen Tage aber trieb es ihn noch mehr als sonst, seinem Empfinden Ausdruck zu geben in Tönen, und so ging er nach dem Chore, nachdem er noch einen Laienbruder gebeten hatte, ihm den nötigen Wind zu machen. Da saß er vor dem lieben Instrument und vergaß seine Profeß und alle Welt. Die Orgelstimmen sangen so weich und so mild, aus frommen Melodieen und volkstümlich getragenen Weisen wob sich ein wundersamer Kranz von Tonbildern, und das dämmernde Abendlicht, das über dem Gotteshause lag und in welchem wie ein rotglühender Punkt das ewige Lämpchen schwankte, erhöhte den Zauber der Stimmung.
Das empfanden ganz besonders zwei Menschen, die in den hintersten Kirchenstühlen sich niedergelassen hatten. Die Kirche war wie stets des Sonntags geöffnet und der Orgelton hatte selbst manchen Spaziergänger noch gelockt, daß er durch die Pforte herein kam und das Kirchlein betrat. So waren auch diese beiden gekommen: Ein stattlicher Herr im eleganten Promenadenanzug mit geistvollem Gesichte, das ein graumelierter Vollbart umrahmte, und ein blühendes Mädchen im lichten Gewande mit dunklerem Ueberwurfe. Sie hielt den feinen, zierlichen Kopf mit den dichten braunen Flechten, die unter dem Hute reich hervorquollen, gesenkt und lauschte mit Ohr und Seele, bis endlich die Töne verklangen.
Nun erhoben sich die beiden und schritten dem Ausgange zu. In der Nähe desselben lehnte ein älterer Mönch mit wallendem Barte. Er grüßte den Herrn und dieser wandte sich zu ihm und fragte:
»Was haben Sie denn hier für einen trefflichen Orgelspieler, Herr Guardian?«
»Das ist unser Frater Severin, der heute Profeß gemacht hat, Herr Professor. Wir sind ein wenig stolz auf ihn.«
»Das dürfen Sie auch; hier ist Technik und Seele zugleich!« Der Sprecher reichte dem Priester die Hand, und schritt hinter dem Mädchen weiter, das bereits die Pforte erreichte und eben die Fingerspitzen trotz der Handschuhe in den Weihwasserkessel tauchte. Der Herr folgte diesem Beispiel und hörte wohl noch, wie hinter ihm drein ein junger Mann, der mit einem Genossen gleichfalls in die Kirche gelockt war, zu diesem sagte:
»Das ist Dr. Holbert, der Professor des kanonischen Rechts, mit seiner Tochter!«
»Ein reizendes Mädchen!« erwiderte der andere – was freilich der Professor nicht mehr vernahm.