»Dann kann's ja auch ein anderer sein, aber nicht einer, dem die bloße Technik über alles geht; ich möchte mehr lernen als das Pedal treten und die Register beherrschen – –«
»Ich kenne Dich, Kind – und wir wollen sehen, was sich thun läßt!«
Sie waren über die schöne Franz Josef-Brücke gegangen und die Höhe hinangestiegen. Dann schritten sie über das grüne Belvedere hin und sahen die alte königliche Stadt zu ihren Füßen liegen mit ihren hundert Türmen und mit dem breiten Silbergürtel der Moldau. Der Abend war für die Jahreszeit besonders mild und schön, und von den zahlreichen Spaziergängern wurde der Professor häufig gegrüßt.
Jetzt kam Peter Frohwalt ihnen entgegen. Er war eine prächtige Erscheinung, der vielfach die Augen auf sich zog, hoch gewachsen, mit klarem, geistvollem Gesicht, dessen Frische noch durch den weißen Saum des Collares um den Hals gehoben schien. Als er den Hut zog, blieb Dr. Holbert einen Augenblick stehen. Er kannte den jungen Geistlichen, der ihm bei seiner Ankunft in Prag einen Besuch gemacht hatte, um ihm für die anerkennende Beurteilung seiner Schrift zu danken. Sie wechselten heute einige freundliche Worte, der Professor stellte Frohwalt seine Tochter vor, und dann schieden sie mit herzlichem Händedruck, nachdem Holbert den anderen eingeladen hatte, ihn bald einmal wieder zu besuchen.
»Ein tüchtiger Kopf!« hatte dann der Gelehrte zu Therese gesagt. »Hoffentlich behält er in der Enge seiner Verhältnisse klaren Einblick in das, was uns bei unsern Priestern notthut. Er wird jedenfalls noch im Laufe des Winters den theologischen Doktorgrad erwerben und hat Zeug dazu, eine Zierde seiner Fakultät zu werden.«
Als es anfing zu dunkeln, schritten Vater und Tochter durch die belebten Straßen heimwärts. Schon am nächsten Tage nahm der Professor Gelegenheit, mit dem Guardian von St. Josef Rücksprache zu halten wegen des Wunsches seiner Tochter. Der war gern bereit, dem berühmten Gelehrten, welcher außerdem in kirchlichen Kreisen besonders hohen Ansehens sich erfreute, gefällig zu sein; selbstverständlich sollte Therese die Orgel benützen dürfen nach Belieben – nur betreffs des Lehrmeisters –
Der alte Herr strich sich mit beiden Händen abwechselnd durch seinen wallenden Bart.
»Ich weiß, Hochwürden, was Sie meinen,« sprach Dr. Holbert; »es thut nicht gut, Feuer und Zunder zusammen zu bringen, aber Sie müssen Ihren Frater Severin kennen. Für meine Tochter sage ich gut: Therese ist lediglich erfüllt von musikalischem Interesse und wird jedes Wort vermeiden, das nicht damit zusammenhängt, aber in Versuchung führen möchte ich den jungen Bruder nicht – –«
»Hm, hm – ich halte Severin für eine ernste und tüchtige Natur, die nicht leicht einen Schritt vom Wege weicht. Außerdem geht auch ihm die Liebe zum Orgelspiel über alles, und ich glaube, er würde glücklich sein, einen Schüler oder eine Schülerin zu haben. Wir wollen's versuchen – vorausgesetzt, daß er einverstanden ist; denn hier hört die Forderung des Gehorsams auf – und dabei die Vorsicht nicht außer acht lassen. Ich will, scheinbar aus Interesse am Unterricht, ab und zu dabei erscheinen, und wenn ich Unrat wittere, machen wir der Sache unverzüglich ein Ende.« Severin wurde gerufen. Anfangs war er einigermaßen verlegen, da er vernahm, um was es sich handle, aber nicht, weil es eine junge Dame war, die in Frage kam, sondern weil er seiner Begabung als Musiklehrer nicht genügend vertraute. Doch empfand er Freude bei dem Gedanken, jemanden im Orgelspiel unterrichten zu sollen, und er ging darauf ein.