Und nun kam Therese wöchentlich eine Stunde in die kleine Kirche. Als der Guardian zum ersten Male die beiden jungen Leute einander vorstellte, war Severin linkisch und schüchtern; er fühlte sich in der braunen Kutte etwas unbeholfen und hätte – er wußte selbst nicht recht warum, den Unterricht lieber in der Laientracht erteilt. Das junge Mädchen dagegen mit seinen feinen, sicheren Formen fand ohne weiteres den rechten Ton: Freundlichkeit ohne Vertraulichkeit, Anmut ohne Koketterie, klare Verständigkeit ohne Vorkehren der Ueberlegenheit in den Umgangsformen, das war es, was der Guardian für sich selbst an ihr rühmte, und was ihn um Severins willen mit großer Beruhigung erfüllte.
Für diesen aber waren es schöne Stunden, wie er sie in seinem Leben bis dahin nicht gekannt hatte, wenn er, mit voller Seele bei seinem Spiel, sah, welch' eine gelehrige Schülerin er gefunden hatte, und wenn diese schlanken weißen Finger so kraftvoll in die Tasten griffen, während er selbst, je nach der Stimmung, die Register zog, schien ihm das Instrument, dem er lange genug vertraut geworden war, immer neue Vorzüge und Schönheiten zu entwickeln.
Der Guardian war ab und zu anwesend gewesen während dieser Stunden, und überzeugte sich mehr und mehr, daß ausschließlich die Freude an der Musik die beiden jungen Herzen erfüllte, und so gab er sich selbst gern dem Genusse hin, welcher in der Beobachtung lag, wie der junge Lehrer zu geben, die Schülerin aufzunehmen verstand.
So lief der Herbst in den Winter hinein, und eines Tages erhielt Peter ein Schreiben aus der Heimat, in welchem Freidank ihm in bescheidener und höflicher Weise anzeigte, daß er noch vor der Adventszeit sich mit Marie vermählen und daß die Hochzeit in der kleinen Kirche zu **dorf in aller Stille stattfinden werde. Für den Adjunkten war es klar, daß seine Schwester bereits Protestantin geworden war, obgleich man ihm dies nicht mitgeteilt hatte, und der Gedanke daran ergriff ihn so mächtig, daß er sich der Thränen nicht erwehren konnte; es war ihm, als wäre Marie gestorben, und nach seiner Meinung war das, was sie gethan hatte, schlimmer als der Tod. Darein mischte sich zu dem Schmerze der Zorn; er zerriß den Brief Freidanks in kleine Stücke, die er in das flackernde Ofenfeuer warf und mit diesem symbolischen Thun riß er nach seiner Absicht alle Fäden entzwei, welche ihn an seine Schwester knüpften; der ihm aufgezwungene Schwager war überhaupt nicht für ihn vorhanden.
Er suchte seine Gedanken abzulenken und ging nach dem Krankenzimmer des Seminars, in welchem seit einiger Zeit Vogel nicht unbedenklich an Brustfellentzündung darniederlag. Peter Frohwalt hatte eine Zuneigung für den Jüngling, die nicht bloß auf dem landsmännischen Verhältnis beruhte, sondern in dem ganzen ehrlichen, frischen und berufsfreudigen Wesen des Alumnus begründet war, und er hatte sich deshalb während der Erkrankung seiner mit besonderer Liebe und Sorgfalt angenommen, und war täglich wiederholt gekommen, um nach ihm zu sehen.
Diesmal traf er mit dem Arzte zusammen. Dr. Otto war ein kleiner, lebhafter alter Herr, immer freundlich und liebenswürdig, dessen Besuch allein schon günstig auf seine Patienten wirkte; er hatte etwas Herzliches und Ermutigendes, und so leuchteten auch die Augen Vogels frischer, und auf seinem jungen Gesichte lag Zuversicht der Genesung.
Der Arzt versicherte auch Frohwalt, den er mit warmem Händedruck begrüßte, daß es nun mit der Gesundung rasch vorwärts gehen werde, und da er sich entfernt hatte, setzte sich der Adjunkt neben dem Bette des Kranken nieder. Es war zur Zeit kein weiterer Patient im Raume, und Vogel konnte ganz dem Zuge seines Herzens folgen. Er ergriff in aufwallender Freude und Dankbarkeit die Hand des Adjunkten und küßte sie innig.
»Sie haben mir so viel Liebes und Gutes gethan, Hochwürden, wie einem Bruder – das vergesse ich Ihnen in meinem ganzen Leben nicht.«
Peter Frohwalt suchte den Erregten zu beruhigen, aber seiner eigenen gedrückten Seele that die Liebe und die Dankbarkeit des Jünglings wohl. Er verließ denselben heiterer, als er gekommen war. Aber da er langsam durch den Korridor hinschritt, klang ihm fortwährend ein Wort in den Ohren, eine mahnende Stimme, von der er nicht wußte, woher sie kam:
»Wer Liebe säet, wird Liebe ernten!«