Sollte er nicht doch auch in der Heimat Liebe säen, in den Herzen seiner Schwester und Freidanks? – Wenn ihm der Fremde so dankte, wie würden dies erst die Seinen thun! Und wieder kam das alte Unbehagen über ihn, als er sein Gemach betrat, und er griff nach seinen Büchern, um über seinem Studium zu vergessen, was seine Seele quälte.
Er wurde indessen gestört durch einen Besuch, welchen er wohl kaum erwartet hatte. An der Thüre hatte es gepocht wie mit einem zaghaften, unsicheren Finger, und auf sein »Ave!« trat der alte Pfarrer von Nedamitz ein. Frohwalt freute sich, ihn zu sehen, und war doch erschrocken. Der Mann sah nicht gut aus. Sein Haar schien in der kurzen Zeit, seit ihn der Adjunkt nicht gesehen hatte, spärlicher und bleicher geworden zu sein, die hagere Gestalt war zusammengebeugt, und die Augen lagen glanzlos und tief in dem fahlen Gesichte.
Peter hatte ihm sogleich einen Sitz angeboten. »Was führt Sie einmal aus Ihrer ländlichen Idylle in die große Stadt?« frug er.
»Es ist aus mit der Idylle, Herr Adjunkt« – sagte der alte Priester mit einem wehmütigen Lächeln – »ich bin abgesägt worden.«
Frohwalt sah den zusammengesunkenen Mann mit dem ungesunden Gesichte und den schwimmenden Augen teilnahmsvoll an, und dieser fuhr fort:
»Barbara ist gestorben, ziemlich schnell und ohne lange Krankheit; der Herr geb' ihr die ewige Ruhe; sie hat ihre Schwächen gehabt, aber sie war ein tüchtiges Weibsbild. Und nach ihrem Tode habe ich wohl wieder ein wenig mehr ab und zu getrunken, als gut war. Ihr Nachfolger war ein lebenslustiger Herr, der auch etwas leisten und vertragen konnte, und wir haben so manchmal bis in die Nacht hinein gesessen. Recht war's ja nicht, und ich hätte auch den Verstand für uns alle beide haben müssen. Wenn Sie in Nedamitz geblieben wären, wär's auch nicht so weit gekommen. Ich glaube, der Gemeindevorstand hat zuletzt den Vikar auf mich gehetzt, und da ich beim hochwürdigen Konsistorium nicht gerade gut angeschrieben war, haben sie mich pensioniert. Die Pension – zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben – ist erbärmlich klein, und wenn ich auch nicht viel brauche, so ist's doch nicht zum Auskommen. Darum komm' ich zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir, falls Sie Gelegenheit haben, einige Meßgelder zuzuwenden.«
Der alte Mann seufzte und wischte sich mit seinem blau- und rotgewürfelten Taschentuche die feuchten Augen.
»Das thut mir leid, Herr Pfarrer, daß wir uns so wiedersehen,« sagte nun der Adjunkt, den, wenn er auch in all dem Gehörten eine gerechte Fügung erkannte, doch das Mitleid ergriffen hatte. »Ich werde mich gerne bemühen, Ihnen etwas zuzuwenden. Vielleicht gelingt es auch, Sie einem der Herren Canonici als Vikar zu empfehlen – freilich müssen Sie Ihre Lieblingsneigung, Ihre Schwäche will ich lieber sagen, bekämpfen.«
»Mit leerem Beutel wird sich das leicht machen lassen,« sprach beinahe bitter, mit einem Lächeln um die schlaffen, herabgezogenen Mundwinkel der Pfarrer – »und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas thun wollten.«