»Wissen Sie was?« sagte Frohwalt in einer augenblicklichen milden Regung, denn wiederum klang ihm das Wort vom »Liebe säen« in der Seele – »ich habe heute vormittag Zeit, wir gehen gleich jetzt mit einander zum Herrn Kanonikus Kupetz, den ich persönlich ziemlich gut kenne, und der ein freundlicher und wohlwollender Herr ist.«
»Na, wenn Sie meinen – ich bin zwar den Domherren immer lieber aus dem Wege gegangen, aber wenn ich mich vorstellen soll, ist mir's doch lieber, ich habe Sie zur Seite und Sie reden für mich.« –
Bald darauf schritten die beiden Geistlichen über die Karlsbrücke. Es war ein herrlicher Wintertag, mild und klar, und die gelblichen Wellen des Flusses rollten, frei von der Eisfessel, unter ihnen hin und brachen sich an den mächtigen Strebepfeilern. Im Sonnenglanze lag der prächtige Hradschin da mit seinem weithin gedehnten, hundertfenstrigen Königsschlosse, mit dem stattlichen Bau des adeligen Damenstifts, das ehedem der Palast des berühmten Hauses Rosenberg war, und mit dem rötlichen Gemäuer des massiven Palais Lobkowitz, welches die schwerfälligen beiden Türme des alten St. Georgklosters überragten, über welche der mit einer unpassenden Haube versehene Turm des herrlichen St. Veitdomes noch hinwegsah. Es war ein prächtiges Bild, das scharf sich abgrenzte von dem klaren Winterhimmel, und das selbst dem Pfarrer, der lange nicht in Prag gewesen, eine Aeußerung des Wohlgefallens entlockte.
Sie schritten über den Kleinseitner Ring, an dem schönen Denkmal des Feldmarschalls Radetzky vorüber und gingen langsam die steile Spornergasse hinauf. Bei einem grauen, schmalbrüstigen Hause in der Nähe der Liguorianer blieb der Pfarrer einen Augenblick stehen und sagte: »Hier wohne ich, in dem dritten Stockwerk nach hinten hinaus – wenn Sie mich ja einmal besuchen wollten. Ich hab's nicht geräumig und auch nicht gerade freundlich – die Aussicht geht auf die Dächer – aber ein alter abgesägter Priester darf nicht viele Ansprüche machen.«
Sie gingen weiter und kamen an dem erzbischöflichen Palais vorüber nach jener stattlichen Häuserreihe, welche sich an dem freundlichen, mit grünen Anlagen versehenen Platze hinzieht, und die der Volkshumor die »Gimpel- (Dompfaff-) Allee« zu nennen pflegt. Hier wohnen die Mitglieder des fürsterzbischöflichen Domkapitels, jeder in einem besonderen Hause.
Wieder blieb der alte Pfarrer stehen, sah zu den spiegelnden Fensterscheiben der vornehmen Häuserfront, deren Eingangsthüren meist mit der Mitra geschmückt waren, und sprach seufzend:
»Sehen Sie, der Herr Domprobst bezieht jährlich dreißigtausend, ein Kanonikus etwa zwölftausend Gulden – was machen die Herren mit dem vielen Gelde?«
»Sie müssen bedenken, daß ihre Stellung im Interesse des Ansehens der Kirche höhere Einkünfte verlangt.«
»Na, die Apostel haben's aber doch auch nicht gehabt!« sagte der Pfarrer mit halb humoristischer Bitterkeit, die seinem schlaffen Gesichte einen beinahe weinerlichen Zug verlieh.