An einem der Häuser zog Frohwalt an dem Klopfer. Ein Glockenton erklang, und gleich darauf erschien ein junges, schmuckes Dienstmädchen mit weißer Schürze, das, nachdem es erklärt hatte, daß der Herr Kanonikus zu Hause sei, die beiden durch einige Zimmer bis nach einem kleinen Salon führte, wo sie einstweilen warten sollten. Hier zeugte alles von Eleganz und Bequemlichkeit; die ganze Wohnung war vornehm: Polstermöbel mit reichen Ueberzügen, hohe Spiegel, Erzeugnisse der Malerei und Bildhauerei, ausländische Pflanzen und Vögel …
Der schlichte, alte Landpfarrer sah sich um, wie in einer fremden Welt, und wagte nicht, sich in einen der sammtnen Fauteuils zu setzen. Das war anders als im Nedamitzer Pfarrhause. Er seufzte halblaut und sagte nun flüsternd zu seinem Begleiter:
»Der hier hat keine Not und keine Sorgen!«
Der Besuch Frohwalts mit dem alten Pfarrer beim Kanonikus (Chorherrn) (S. 118).
»Wer weiß?« erwiderte Frohwalt, aber als ob er Lügen gestraft werden sollte, so klang jetzt nebenan helles Lachen von Frauenstimmen und das Klingen von Weingläsern. Darauf folgte das Rücken eines Stuhles, und gleich darauf kam durch die Flügelthüren der Kanonikus herein. Er war ein kleiner, wohlbeleibter Herr mit einem geröteten Gesicht, das mit seinem Doppelkinn, seinen hängenden Wangen und den kleinen, gutmütigen Augen recht wohlwollend aussah. Er trug einen schwarzen Gehrock und um den Hals das violette Collare; an der Weste waren einige Knöpfe geöffnet – er schien sich eben vom Frühstück erhoben zu haben.
Der Domherr war nicht unfreundlich; er forderte die beiden auf, sich niederzulassen und hörte mit einem gewohnheitsmäßigen Lächeln um den breiten Mund dem Adjunkten zu, der in warmen Worten ihm den Pfarrer empfahl und anfrug, ob nicht vielleicht eine Vikarstelle erledigt sei.
Der Kanonikus ließ seine Augen auf dem Gesichte des Pfarrers ruhen; er schien sich zu erinnern, warum dieser seines Amtes enthoben war; der letztere wagte übrigens selbst gar nicht zu sprechen, und so entstand eine kleine Pause. Der Herr des Hauses zog eine wertvolle Tabakdose hervor, spielte ein wenig mit derselben, nahm darauf mit zwei Fingern behäbig eine Prise heraus und bot das blinkende Gefäß leutselig den beiden andern, welche dankend ablehnten. Nun erst sagte er:
»Es trifft sich gut, und ich will einmal annehmen, daß Sie der Himmel mir schickt, Herr Pfarrer. Mein Vikar, der an meiner Stelle das kirchliche Gebet im Dom verrichtet, wenn ich verhindert bin, ist gestern vom Schlage gerührt worden und wird wohl nicht mehr werden. Ich will Ihnen seine Stelle übertragen und Ihnen dieselbe Entschädigung geben. Ich weiß, daß Sie es brauchen können. Aber« – fügte er lächelnd und mit erhobenem Zeigefinger bei – »über die kleine Schwäche, – na, Sie wissen schon – müssen Sie wegkommen!«
In das fahle, schlaffe Gesicht des Pfarrers war eine Röte gestiegen, vielleicht der Freude, vielleicht der Scham, und er stammelte einige Dankesworte. Der Kanonikus teilte ihm kurz noch das Weitere mit, und dann verabschiedete er die beiden Besucher mit dem Bemerken, daß er den Geburtstag seiner Schwester feiere.