Es war der Sonntag, für welchen Dr. Holbert den Adjunkten eingeladen hatte. Der Nachmittag war unfreundlich, Schneeschauer verfinsterten die Gasse, und manchmal schlug der Wind sausend gegen die Fenster, daß sie leise klirrten. Im wohlgewärmten Salon aber war es hier ungemein traulich und behaglich. Frohwalt war gekommen, herzlich begrüßt, wie es Brauch in diesem Hause war, und lernte zunächst noch einen Gast kennen, einen jungen Arzt, Dr. Moritz Haller, einen hübschen und, wie es schien, weltgewandten Mann mit etwas blasierten Manieren, der behaglich, wie wenn er hier zu Hause wäre, in einem Fauteuil beim Kamin saß, in einem bildergeschmückten Reisewerke blätterte und zu den Bildern seine Bemerkungen machte, worin er sich auch durch die Ankunft Frohwalts nicht stören ließ.

Diesen nahm der Professor in Beschlag, und während er sich mit ihm über eine kirchenrechtliche Frage unterhielt, welche den Adjunkten interessierte, plauderte der Doktor mit der Tochter des Hauses, wobei sich manchmal seine Stimme zu halbem Flüstern dämpfte.

Gewinnend schien der letztere dem jungen Geistlichen nicht, zumal er im Laufe des Nachmittags sich fortwährend bemühte, eine Art geistiger und gesellschaftlicher Ueberlegenheit herauszukehren, die er in letzterer Beziehung zweifellos, in ersterer nicht unbestritten besaß. Der Professor wußte indes geistvoll und gewandt allen etwaigen Unannehmlichkeiten die Spitze abzubrechen, so daß die allgemeine Stimmung keine Trübung erfuhr.

Es hatten sich noch zwei Gäste eingefunden: Frater Severin als Lehrer Theresens im Orgelspiel und Hans Stahl, der mit seinem weißen Stehkragen und der koketten schwarzen Schleife, sowie mit dem ganzen frischen und lebendigen Wesen nicht den Eindruck eines katholischen Theologen machte. Sein Vater und der Professor waren Jugendbekannte, und so hatte der Jüngling Eingang im Hause des Letzteren gefunden. Er bewegte sich gesellschaftlich sicher und gewandt, mit einigermaßen burschikosem Anstrich, der aber nichts Rohes und Verletzendes hatte, wogegen der junge Kapuziner, dem solche Gesellschaft fremd war, sich einigermaßen befangen fühlte.

Aber auch einem solchen Gaste wußte der Professor gerecht zu werden, indem er die Musik ins Feld führte. Er veranlaßte Therese, sich an den Flügel zu setzen, und unter den gewandten Fingern perlte in köstlicher Reinheit eine Mozartsche Sonate hervor, und die Augen des jungen Mannes begannen zu leuchten. Er hatte sich, alles andere vergessend, zurückgelehnt in seinem Sitze, und hielt die Blicke unverwandt auf die weißen, schlanken Mädchenhände gerichtet, welche auf den glänzenden Tasten meisterten, und da das Stück endete, that er einen tiefen Atemzug. Dr. Haller und Hans Stahl sprachen, der erstere in etwas überschwänglicher Weise – ihr Lob aus; auch Frohwalt äußerte sich in gleichem Sinne, der junge Kapuziner aber sagte mit einem tiefen Erröten nur:

»Ich danke Ihnen, Fräulein.«

Nun begann Therese zu singen. Sie hatte einen volltönigen, milden Alt, der ungemein wohlthuend klang, und das schlichte Lied im Volkston gewann dabei einen herzgewinnenden Ausdruck. Es war die Ballade von den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten

– das Wasser war viel zu tief.

Dr. Haller spielte die Begleitung, gewandt und feinsinnig, Hans Stahl aber lehnte an der Fensterbrüstung und sah mit flimmernden Augen nach den beiden hin. Severin jedoch sank wieder tiefer in seinen Sitz und hielt den Kopf gesenkt, als ob er träume. Seine Seele war voll von seltsamen Empfindungen, wie er sie niemals gehabt hatte; er hätte jauchzen und zugleich weinen mögen.

Dann sang auch Hans Stahl, der einen frischen Tenor hatte, wenig geschult, aber klangvoll; es war das Mendelssohnssche: