»Nicht bloß nach meiner Meinung – –«

»– während derselbe ganz zweifellos zu dem Florentiner Kreise gehört.«

»Ich bin zwar nicht allzufest in den Einzelheiten der Kunstgeschichte« – sprach nun der Professor, noch immer lächelnd – »aber diesmal hat Herr Stahl doch Recht. Giorgione da Castelfranco hat zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Venedig gelebt und ist dort gestorben.«

Haller wurde weiß bis in die Lippen, und seine Augen zuckten einmal gehässig über den jungen Theologen, der hochaufgerichtet, schweigend, aber mit dem Ausdruck eines Siegers im Antlitz dastand. Professor Holbert erkannte das Peinliche für den Doktor, und fügte bei:

»Ein solcher Gedächtnisfehler ist verzeihlich, mein lieber Doktor, und ein einzelner kann nicht auf allen Gebieten ausgezeichnet sein. Herr Stahl hat diesmal sein Recht mit jugendlichem Eifer verfochten, gönnen Sie ihm den kleinen Triumph, denn der alte Giorgione steht doch nicht dafür, daß sich seinethalben zwei liebe Gäste erhitzen. Zuletzt freuen wir uns doch der Werke eines Meisters alle gleich, und ob er Florentiner oder Venetianer, das ist dabei nebensächlich. Die wahre Kunst stammt aus göttlichen Höhen und ist überall daheim, soweit die Erde Gottes ist. Auf sie lassen Sie uns anstoßen!«

Er hatte sein Weinglas herbeigeholt, und die Gläser klangen.

»Und nun – daß die Kunst auch ihre versöhnliche Kraft übe, mag Therese uns noch ein Lied singen!«

Das Mädchen ließ sich nicht weiter nötigen; sie setzte sich an das Instrument, und indem sie sich selbst begleitete, sang sie das ergreifend schöne, schlichte Mendelssohnsche Lied:

Herr, zu Dir will ich mich retten,
Wenn die Welt mich kränkt und schlägt,
Will in Deinen Schooß mich betten,
Wund und müd' von argen Ketten,
Die meine schwache Seele trägt …